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Offenbach Stasi verstand subversive Botschaft nicht

Ein glücklicher Zufall macht das Klingspor-Museum zum Besitzer von 35 Künstlerbüchern des Exil-Chilenen Guillermo Deisler Von Agnes Schönberger

09.01.2018 07:16
Agnes Schönberger
Klingspormuseum
Das Klingspormuseum bekommt Bucharbeiten des Künstlers Guillermo Deisler Foto: Monika Müller

Guillermo Deisler muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Zumindest in jenen Augenblicken, in denen es dem Exil-Chilenen und DDR-Künstler wieder einmal gelungen war, an den Argusaugen der Stasi vorbei die Zensur zu umgehen und selbst während des Kalten Krieges Grenzen zu überschreiten. Deisler begründete in der DDR das internationale Mail Art-Projekt „UNI/vers(;)“, für das ihm Künstler rund um den Erdball Werke per Post zuschickten. In diesen Arbeiten wie auch in seinen Künstlerbüchern ging es um Gedankenfreiheit und Phantasie, um Widerstandskunst, die sich allerdings subversiv tarnte.

Das Klingspor-Museum ist durch einen glücklichen Zufall Besitzer von 35 Künstlerbüchern Deislers geworden. „Manchmal muss man eine Gelegenheit beim Schopfe packen“, erinnerte Museumsleiter Stefan Soltek gestern an einen Tag Ende April vergangenen Jahres, als er einen Anruf von der Mainzer Galerie Despalles Editions erhalten hatte. Die Witwe Deislers wollte die 35 noch verfügbaren Bucharbeiten ihres Mannes nach Chile zurückführen. Um einen Verbleib in Deutschland zu ermöglichen, bot die Galerie die Arbeiten dem Offenbacher Museum an.

Das war zwar ein verlockendes Angebot. Nur: Wer sollte das Konvolut bezahlen? Der städtische Erwerbungsetat des Klingspor-Museums beträgt 5000 Euro im Jahr. Wieder einmal erwies sich der Rotary Club als verlässliche Quelle der Unterstützung. Mit einer Spende in Höhe von 5000 Euro ermöglichten die Rotarier nicht nur den Ankauf der Werke, sondern auch die konservatorisch fachgerechte Aufarbeitung der sehr fragilen Bücher und Objekte, die zum Teil aus Naturmaterialien, aber auch aus Wellpappe und alten DDR-Formularen gefertigt sind. Soltek sprach von einer „wichtigen Erwerbung“.

Trotz Exil nicht vergessen

Die Militärdiktatur hatte Deisler zwar ins Exil gezwungen. Doch obwohl er wegen seines Lebens in der DDR nicht am internationalen Kunstbetrieb teilnehmen konnte, ist er nicht vergessen. Etwa 15 Jahre nach seinem Tod wurde er wieder verstärkt gewürdigt, so 2009 in der Ausstellung „Subversive Praktiken. Kunst unter Bedingungen politischer Repression“ im Kunstverein Stuttgart sowie im selben Jahr mit einer Einzelausstellung in der chilenischen Botschaft in Berlin.

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