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Offenbach In roten Röcken auf alten Motorrädern

Die Offenbacher Filmemacherin Julia Finkernagel hat die Frauen der esthnischen Insel Kihnu porträtiert. Am Mittwoch ist exklusive Vorpremiere im Filmklubb.

Finkernagel
Julia Finkernagel im typischen Kihnu-Outfit mit Rock und Schürze, das nur Verheiratete tragen. Foto: MDR/Arte

Leben zwischen Leichtigkeit und Schwermut“ hat die Offenbacher Filmemacherin Julia Finkernagel ihren aktuellen Dokumentarfilm genannt, der von den Menschen und 600 Jahre alten Traditionen auf der kleinen Insel Kihnu in Estland handelt. Dass Mare Mätas die Hauptdarstellerin ist, hat einen guten Grund: Wer Kihnu verstehen will, muss die Frauen dort verstehen. Finkernagel ist es mit ihrem kleinen Team gelungen, den von Journalisten genervten Bewohnern nahezukommen. Sie durfte sogar bei einer Beerdigung drehen. Der Film „Ein Jahr auf Kihnu in Estland – Leben zwischen Leichtigkeit und Schwermut“ wird vor seiner Ausstrahlung am 20. Oktober auf Arte einmalig am morgigen Mittwoch im Filmklubb, Isenburgring 36, gezeigt. Reservierungen sind unter E-Mail nic@filmklubb.de oder Telefon 0177 / 222 234 5 möglich.

Bekannt ist das Unesco-Weltkulturerbe Kihnu vor allem wegen der rot-bunt-gemusterten Röcke aus schwerem Wollstoff, die die Knie ihrer Trägerinnen züchtig bedecken. „Wenn auf Kihnu eine Frau traurig ist, dann trägt sie einen blauen Rock. Aber wenn in ihrem Leben alles in Ordnung ist, dann trägt sie rot“, erzählt Mätas in dem Film. Und dann streicht die Mutter von vier Kindern, Akademikerin, Unternehmerin, Mopedfahrerin und Wirtin lächelnd über ihren rotgestreiften Stoff. In einer weiteren Szene ist zu sehen, wie sie nach sechs, sieben Versuchen ihr altes Moped, eine Dnepr 10 mit Seitenwagen, anschmeißt und zum Hafen rattert, um Gäste abzuholen.

Die Zeit auf Khinu scheint ein bisschen stehengeblieben zu sein. Heute leben nur noch etwa 500 Menschen auf der kleinen Insel. Jeder Bewohner müsse irgendwann eine wichtige Lebensentscheidung treffen, sagt Finkernagel. Gehe oder bleibe ich? Wer bleibe oder nach dem Studium wiederkomme, entscheide sich gegen Karriere und Wohlstand. Denn das Leben auf Kihnu ist einfach. Der Mindestlohn liege unter drei Euro, sagt sie. Die Frauen stellen her, was sie tragen, und bauen an, was sie essen: Kartoffeln, Rote Beete, Kohl und Kürbis. Viele Männer arbeiten auf See. Die Filmemacherin hat dennoch den Eindruck, dass die Inselbewohner zufriedener sind als wir.

Finkernagel hatte bei einem Film über Estland fürs HR-Fernsehen Kihnu entdeckt. Schon damals war Mätas dabei. Nach dem Dreh sagte sie zu der Offenbacherin: Ich mag Dich. Du darfst wiederkommen. Das ließ sich Finkernagel nicht zweimal sagen. Sie überzeugte MDR und Arte von dem Filmprojekt, fast ein Jahr lang wurde zu verschiedenen Jahreszeiten auf der Insel gedreht. Finkernagel hat Regie geführt und Schnitt wie auch Sprachaufnahmen kontrolliert.

Sie erzählt, wie sich die Menschen langsam geöffnet hätten. Manchmal habe ein kleiner „Snaps“ dabei geholfen. „Aber sie haben auch gesehen, dass wir Rücksicht nehmen.“ Freundschaften seien entstanden. Am Ende der Drehzeit trug auch sie einen Rock, den sie von den Bewohnern erhielt. In Rot, versteht sich.

Finkernagel ist durch Zufall zum Film gekommen. Sie hatte eine guten Job bei der Fraport als Leiterin einer Planungsabteilung im Flugbetrieb. 2007 entschloss sie sich, ein Sabbatjahr zu nehmen und um die Welt zu reisen. Sie schrieb Reiseberichte, die bei der MDR-Kulturchefin landeten, die ihr daraufhin 2008 ein Praktikum anbot. Seitdem arbeitet Finkernagel freiberuflich (nicht nur) für den MDR.

Ein Satz eines Kollegen ist ihr bis heute Mahnung. Dokumentarfilmer sollten sich vorstellen, bei der Premiere neben dem Hauptdarsteller zu sitzen. „Wir tragen Verantwortung, denn die Menschen schenken uns ihre Geschichten“, sagt Finkernagel. Sie würde in ihrer Wahlheimat Offenbach, in der sie seit 2011 lebt, gerne estnische Kulturtage veranstalten. Das würde doch zu der Multikulti-Stadt passen, findet sie. Vielleicht hilft ihr ein Zufall.

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