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Offenbach Handtasche von Rang

Ihre Geschichte ist nicht ganz so spektakulär wie die der Turnschuhe von Joschka Fischer, aber ein Zeitdokument ist die Handtasche der Grünen-Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner ebenfalls. Jetzt geht die Handtasche an das Deutsche Ledermuseum über.

Ausrangiert: Seit gestern gehört die Tasche dem Ledermuseum. Tabea Rößner, Maria Huch, Rosita Nenno, Inez Florschütz (v.l.) Foto: Monika Müller

Es ist nur eine Alltagstasche, eigentlich ein ziemlich unscheinbares Teil; nicht besonders kunstfertig, aus Leder zwar, aber nach zehnjährigem Gebrauch ziemlich abgewetzt; eine Tasche also, in die praktischerweise alles hineinpasst, was frau so braucht. Jetzt ist die Tasche zum Ausstellungsstück für das Deutsche Ledermuseum in Offenbach geworden. Sie könnte vielleicht neben den berühmten Turnschuhen des späteren Außenministers Joschka Fischer (Bündnisgrünen) einen Platz finden. Aber so genau weiß das Rosita Nenno, Kuratorin des Ledermuseums, noch nicht.

Das Besondere an der Tasche ist, dass sie wie die Joschka-Fischer-Schuhe eine Debatte über die Partei Die Grünen auslöste – wenngleich in kleinerem Ausmaß. Am Dienstag hat die jetzige Besitzerin, Maria Huch, das Stück eigenhändig dem Museum überreicht.

Bis Januar 2014 gehörte die Tascheder Bundestagsabgeordneten Tabea Rößner (Grüne). Eines Morgens saß die damals 47-jährige Mainzerin im Flieger, der noch am Frankfurter Flughafens auf die Starterlaubnis wartete, als sie bemerkte, dass sie die Tasche im Terminal vergessen hatte. Sie informierte die Stewardessen, die dafür sorgten, dass die Tasche zum Flieger kam und Rößner damit nach Berlin reisen konnte.

Wie die Lufthansa später Zeitungsberichten zufolge erklärte, habe der Airbus wegen des Taschen-Transfers nicht warten müssen. Es habe Startverbot gegolten, weil Nebel herrschte. Mitreisende müssen die Situation falsch verstanden haben und steckten einer Boulevardzeitung die Geschichte anders. Eine Online-Zeitung drehte das große Ding daraus und meldete, dass das vollbesetzte Flugzeug 20 Minuten Verspätung gehabt habe, weil man der Bundestagsabgeordneten die Tasche habe an Bord bringen müssen. Der Medien-Hype war in vollem Gange.

Bahn oder Flieger?

Zwei Wochen sei ihr Berliner Büro nur damit beschäftigt gewesen, Pressefragen zu beantworten, erzählt Rößner. Die in Mainz erscheinende Rhein-Main-Presse stellte die Frage, wieso eine Grünen-Politikerin eigentlich nicht die Bahn nehme, wo sie doch seit Jahren gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens kämpfe.

„Die Diskussion ist ja richtig“, räumt Tabea Rößner ein. Sie versuche, so oft wie möglich den Zug zu nehmen. Aber nach Berlin spare sie spare sie mit dem Flieger gegenüber der Bahn drei Stunden. Damit sie noch Zeit für ihre Töchter habe, fahre sie so spät wie möglich los. Die Debatte hatte Rößner zufolge nicht nur Nachteile. „Fazit war, dass Politiker auch nur Menschen sind, die in Verantwortung stehen, aber auch in Zwängen leben, die sie nicht einfach verlassen können.“, sagt sie.

Damit die Tasche einen guten Zweck erfülle, ließ Rößner sie zugunsten einer Lärmmessstation in Mainz-Lerchenberg versteigern und spendete die gleiche Summe. Gekauft wurde sie von einem Mann, der sie seiner Mutter Maria Huch, einer Flughafen-Ausbau-Gegnerin aus Mainz, schenkte. Sie beklebte die Tasche mit Anti-Ausbau-Stickern und nahm sie auf die Montagsdemonstrationen gegen den Bau der Nordwestbahn mit.

Rößner regte später an, das Stück dem Museum zu vermachen. „Die Tasche hat für uns einen Wert, sie ist ein Alltagsobjekt, das zum Zeitdokument wurde“, sagt Kuratorin Nenno. In die bis 28. Juni verlängerte Taschenausstellung wird sie aber nicht integriert. Der Wert der Geschichte für Rößner dürfte auch feststehen: Die Politikerin hat an Bekanntheit gewonnen.

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