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Offenbach Ein spiritueller Helfer

Der rumänisch-orthodoxe Pfarrer Stefan Anghel steht Menschen in Not bei. Von Rumänien nach Deutschland kam einst auch er mit völlig falschen Vorstellungen.

Die Rumänen, die nach Deutschland kommen, seien Romantiker, sagt Stefan Anghel. Denn sie würden von Westeuropa nur die Schaufenster kennen, und sie träumten viel. Der Pfarrer der rumänisch-orthodoxen Gemeinde in Offenbach ist selbst Rumäne. Und ja, er ist auch Romantiker. Denn er hatte 1995, als er nach Deutschland kam, die gleichen Bilder im Kopf wie seine heutigen Landsleute, die Rumänien verlassen. Anghel war damals krank und glaubte, dass man in Deutschland alles heilen könne. „Aber ich habe nicht über die Kosten nachgedacht“, erzählt der 59-Jährige.

Seine Schwester, die schon länger in Deutschland wohnte, half ihm finanziell, manchmal wurde er von Ärzten kostenlos behandelt. „Aber es war schwer“, erinnert sich Anghel. Schließlich wurde er gesund. Deshalb versteht er die Rumänen, die in seiner St. Nikolaus-Gemeinde im Lauterborn stranden, so gut.Und er tut alles, was in seiner Macht steht, um ihnen zu helfen. Dafür zeichnete Offenbach die Kirchengemeinde kürzlich neben der Rumänischen Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet mit dem Integrationspreis der Stadt aus.

Für Stefan Anghel, der mit den schulterlangen Haaren und dem Vollbart ein bisschen wie ein Heiliger auf den Ikonen in seiner Kirche aussieht, ist klar, dass Integration nicht leicht ist. Aus seiner Anfangszeit in Deutschland weiß er, wie man sich in der Fremde fühlt. Damals musste er alle sechs Monate um ein Visum für sich und seine Familie kämpfen. Seine Frau, eine Ärztin, bekam keine Arbeitserlaubnis. Die vier Kinder mussten sich irgendwie zurechtfinden. „Ohne Hilfe der deutschen Freunde hätten wir das nicht geschafft“, erklärt er dankbar. Selbst wenn die Migranten schnell Arbeit und Wohlstand fänden, fühlten sie sich verloren. „Es fehlt die Gemeinschaft, die seelische Integration, Spiritualität“, erklärt er.

Seine Integrationsarbeit nennt er daher Integration mit Wurzeln. Die Angebote knüpfen an die rumänische Tradition an. In der Schule, die samstags 24 Kinder in rumänischer Sprache und Landeskunde unterrichtet, werden deshalb auch Ikonenmalerei, Holzschnitzerei und Musik angeboten, und es gibt eine Tanzgruppe. In dem reich verzierten Kirchenraum in der ehemaligen Dachdecker-Werkstatt, die seit 2001 als Gemeindehaus dient, finden die Menschen die Spiritualität.

„Taufe, Heirat, Bestattung, die Menschen brauchen diese Verbundenheit“, sagt Anghel. Die möchte er ihnen geben, und zwar so, wie das in seiner Kirche üblich ist, mit Weihrauch, Heiligenbildern, Symbolik und Bibelgeschichten. Offenbar mit Erfolg. Der Kirchenraum beim sonntäglichen Gottesdienst ist für gewöhnlich brechend voll. 200 bis 300 Personen kommen regelmäßig aus Frankfurt und Offenbach.

Die Kirchengemeinde ist zu einer Sozialeinrichtung geworden, das Gemeindehaus ist gleichzeitig Pfarrhaus, Kirche und Notunterkunft. Dort finden nicht nur Menschen Unterschlupf, die mit falschen Versprechen auf eine Baustelle nach Deutschland gelockt wurden, und keinen Lohn erhalten. Dort wird auch mal eine Frau vor einem gewalttätigen Mann versteckt, oder Personen können übernachten, bis das Geld für die Heimreise zusammen ist. 60 bis 70 Leute in Not werden so im Jahr betreut, sagt Anghel in seiner sanftmütigen Art, die den Eindruck erweckt, als sei ihm nichts Menschliches fremd und als liebe er die Menschen trotz oder wegen ihrer Fehler. Aber er weiß auch, wie er sich für sie einsetzt. Anghel ist gut mit Behörden, Kirchengemeinden und Hilfsorganisationen vernetzt, und er sagt, er sei hartnäckig.

Die städtische Auszeichnung empfindet er nicht nur für sich persönlich als Anerkennung. Er sagt: „Auch für die vielen Rumänen, die ernst und ehrlich in Deutschland arbeiten.“

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