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Offenbach Der Preis der Aufwertung

Die Gruppe Kritische Geographie Offenbach veranstaltet die gegenwärtigen „Aktionswochen Stadt“. Dabei soll gezeigt werden, dass in Offenbach lange nicht alles Gold ist, was glänzt.

28.05.2015 19:47
János Erkens
Das Nordend und der Hafen gehören zu den Vierteln, die in Offenbach aufgewertet werden. Foto: Renate Hoyer

Als Anfang dieses Monats der Tag der Städtebauförderung ausgerufen wurde und die Stadt Offenbach in einer Foto-Ausstellung im Rathaus Projekte wie das Mathildenviertel und das Senefelder Quartier vorstellte, war Aufwertung das Zauberwort. Je mehr die Stadt in ein Wohnviertel investiere, desto mehr investierten auch die dortigen Bewohner in die Verbesserung ihrer Wohnsituation, so die Erfahrung der Stadtplaner.

Doch die Begeisterung darüber, wie sich Stadtbild und Bewohnerstruktur geändert haben und in naher Zukunft noch mehr ändern sollen, teilen nicht alle Bürgerinnen und Bürger Offenbachs: „Uns stört die Aufwertungseuphorie“, erzählt Moritz Bachmann von der Gruppe Kritische Geographie Offenbach, die sich mit der Emanzipatorischen Linken, der Gruppe Wem gehört die Stadt Offenbach und der Gruppe Eine Stadt für alle zusammen geschlossen hat und die gegenwärtigen „Aktionswochen Stadt“ veranstaltet.

Die Vortrags- und Stadtführungsreihe soll ein kritisches Bewusstsein für jenen Prozess wecken, der in der Geografie als „Gentrifizierung“ bezeichnet wird und – stark verkürzt gesprochen – in dem Zuzug wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen und der daraus folgenden Abwanderung, beziehungsweise Verdrängung ärmerer und Bewohner besteht.

Drei Stadtspaziergänge

Mit Vorträgen etwa über „kommunale Verschuldung“ und über die Widersprüche, die Offenbachs Image als „kreative Stadt“ mit sich bringt sowie mit drei Stadtspaziergängen wollen die Aktivistinnen zeigen, dass in Offenbach lange nicht alles Gold ist, was glänzt. Zwar seien durch das Quartiersmanagement tatsächlich Teile der Stadt erneuert und verschönert worden, gibt Bachmann zu. Allerdings, so findet der Geographie-Student, bleibe ein aufgewertetes Wohnviertel nach wie vor Privileg derjenigen, die es sich finanziell leisten können, darin zu wohnen.

Die vielbeschworene „soziale Durchmischung“, die sich die Stadt in ihrem Restrukturierungsprozess auf die Fahnen geschrieben hat, sei ein Mythos, schreibt das Bündnis auf seiner textreichen, theoretisch teilweise recht anspruchsvollen Website.

Die „Veränderung der Bewohnerinnen-Struktur“ sei nichts anderes als eine Form von Verdrängung. Wenn Investoren ein Gelände oder eine Immobilie in einem eher unansehnlichen Viertel kaufen und sanieren, sei dies kein Dienst an den aktuellen Bewohnern, sondern der Versuch, möglichst Mieter anzuziehen.

Angst bei der Stadt

In linker Denktradition stellt das Bündnis dabei die Aufwertungserzählung vom Kopf her auf die Füße: Nicht Hartz-IV-Empfängerinnen und migrantische Familien sind demnach Grund für die Abwertung eines Viertels – sondern umgekehrt bleibt genau diesen gesellschaftlichen Gruppen oft nichts anderes übrig, als in bereits abgewertete, dafür aber billige Wohngegenden zu ziehen.

„Die Stadt müsste eigentlich von den Investoren fordern, dass sie genügend Sozialwohnungen schaffen“, sagt Moritz Bachmann. „Aber die Angst davor, dass die Investoren abspringen, lässt die verschuldete Kommune zurück schrecken.“

Stattdessen versuche die Stadt, mit low-Budget Projekten wie dem Hafengarten vor allem junge kreative Menschen nach Offenbach zu ziehen – und damit den Wandel der Bevölkerungsstruktur einzuleiten. Dass die überwiegend aus dem akademischen Umfeld stammenden Mitglieder des Aktionsbündnisses zu eben jenem Prozess der Gentrifizierung beitragen, den sie so vehement kritisieren, leugnet Bachmann nicht: „Es ist praktisch unmöglich, sich der Marktlogik bei der Wohnungssuche zu entziehen“, sagt der Master-Student. „Wir versuchen jedoch, diese Logik zu reflektieren und problematisieren“

Das bescheidene Ziel der Bündnismitglieder bei den Aktionswochen sei es eher, die Kritiker der Aufwertungsrhetorik zu vernetzen und ein Bewusstsein dafür zu wecken, was auf der Homepage der Gruppe kritische Geografie pointiert wird: „Gentrifizierung ist ein Vorgang, der die Armen bekämpft – und nicht die Armut.“

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