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Offenbach Dämonen aus der Kindheit

Der Verein Männerthemen hilft Opfern sexuellen Missbrauchs, Traumata zu verarbeiten. Gegenwärtig bietet der Verein vier Selbsthilfegruppen in Offenbach und Frankfurt an, von denen nur noch eine ausschließlich Männern vorbehalten ist.

06.11.2014 18:58
Janos Erkens
Wenn Erwachsene Kinder missbrauchen, leiden die Kinder ihr Leben lang. Foto: picture alliance / dpa

Die Erinnerung kam plötzlich und intensiv zurück. Ein Flashback. „Ich hatte das starke Bedürfnis, mich an meiner Mutter zu rächen“, erzählt Udo Gann von dem entscheidenden Erlebnis im Jahr 1999. „Dafür, dass sie mich in meiner Kindheit sexuell missbraucht hat.“

Schon vor dem Flashback hatte der damals als Ingenieur für Druckereimaschinen arbeitende Offenbacher vermutet, dass etwas mit ihm nicht stimmt, zumindest nicht mit seinem Verhalten in Belastungssituationen: „Wenn ich etwa Vorträge halten musste, hatte ich eine völlig unverhältnismäßige, lähmende Angst.“

Dass es sich dabei nicht um einfaches Lampenfieber handelte, das er durch gute Vorbereitung in den Griff bekommen könnte, ahnte Udo Gann damals bereits. Doch dass die Ursache die lange verdrängte, wiederholte Vergewaltigung durch die eigene Mutter war, wurde dem mittlerweile 59-Jährigen erst durch den Flashback klar.

Verein entstand aus einer Selbsthilfegruppe

Seitdem spielen sexueller Missbrauch in der Kindheit und die Bewältigung der daraus resultierenden Traumata eine zentrale Rolle in seinem Leben: 2001 gründete Udo Gann mit zwei anderen früh missbrauchten Männern eine Selbsthilfegruppe, weil es ein vergleichbares Angebot im Umkreis schlicht nicht gab. Aus dieser Gruppe ging der Verein Männerthemen hervor, für den der ehemalige Ingenieur und studierte Pädagoge seit vier Jahren hauptamtlich arbeitet – als Sozialpädagoge, aber auch als Vereinssekretär, der Öffentlichkeitsarbeit betreibt und Spendengelder akquiriert.

Gegenwärtig bietet der Verein vier Selbsthilfegruppen in Offenbach und Frankfurt an, von denen nur noch eine ausschließlich Männern vorbehalten ist. Denn abgesehen davon, dass es unter Männern eher verpönt ist, sich als Opfer sexueller Übergriffe zu sehen und Männer von der Gesellschaft nur schwer als solche akzeptiert werden, seien die psychischen Mechanismen der Traumabewältigung bei Männern und Frauen ähnlich, sagt Gann.

Eine Selbsthilfegruppe funktioniere ganz anders als eine Psychotherapie. „Betroffene, die es endlich geschafft haben, die Mauer aus Scham und Schweigen zu überwinden, erleben hier etwas sehr Erstaunliches – nämlich, von anderen Menschen verstanden zu werden und mit ihnen Erfahrungen teilen zu können.“

Viele Jahre harte Arbeit

Das Schweigen zu durchbrechen, ist nach Gann der erste und vielleicht wichtigste Schritt im Prozess der Selbsttherapie. Das passiere im Verein Männerthemen in einer Gruppe von nicht mehr als acht Menschen. Doch dann folge nicht selten jahrelange Arbeit und Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit – Rückschläge inbegriffen.

Immerhin kann Udo Gann seinen Mitstreitern einige therapeutische und meditative Methoden an die Hand geben, die er sich in seiner Zeit bei Männerthemen in zahlreichen psychologischen Fachbüchern angelesen hat: „Wir können in der Gruppe zum Beispiel die Focusing-Methode von Gentlin diskutieren und üben“, erklärt Gann, der selbst jeden Tag meditiert. „Die eigentliche Heilung muss jedoch jeder selbst betreiben.“

Einigen Teilnehmern gelinge es in der Gruppe, innerlich zu den traumatischen Erlebnissen in der Kindheit zurückzukehren und zu verstehen, warum sie bestimmte körperliche Reaktionen entwickelt haben. „Meine Angstzustände waren ein Relikt aus der Zeit, als meine Mutter mich vergewaltigte und würgte, ich also wirklich in Lebensgefahr war.“

Auch wenn Udo Gann diesen Dämon bezwungen hat und sicher ist, nie wieder unter Angstzuständen oder Depressionen leiden zu müssen, begleitet ihn das Thema Traumabewältigung auch weiterhin: „Das Schlimmste habe ich in den letzten Jahren hinter mir lassen können. Aber immer, wenn ich eine neue Lebensgeschichte höre, in der ein Missbrauch vorkommt, fühle ich: Das hat auch mit mir zu tun.“

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