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Offenbach Chor der Arbeitslosen

Bloß nicht die Decke über den Kopf ziehen, sondern aktiv sein, sagen sich die Menschen ohne Job, die beim Musical „Broken Hartz“ mitwirken. Das Projekt der Caritas lockt nicht nur die Lust der Leute am Gesang, sondern ermutigt sie auch, in den Liedern ihre Wut auszudrücken.

Arbeitslose singen vom eigenen Leben im Musical „Broken Hartz“. Foto: Rolf Oeser

Es ist etwas, das tabuisiert ist, ein gesellschaftliches Stigma: Hartz IV. Die Caritas hat im vergangenen Sommer ein Projekt gestartet, das das Thema im wahrsten Sinne des Wortes ins Rampenlicht holt. Das Musical „Broken Hartz“ ist ein Musical aus der Lebenswirklichkeit von Langzeitarbeitslosen.

„Das Grundgerüst des Stückes steht“, sagt Holger Senft, bei der Caritas als Berater tätig und hier für das Libretto verantwortlich. Der Feinschliff am Text stehe noch aus. „Auch die Musik ist praktisch fertig“, sagt Thomas Gabriel. Der Regionalkantor des Bistums Mainz an der Seligenstädter Einhard-Basilika hat die Idee zu dem Projekt geliefert und komponiert die Musik. Auch das Einstudieren der Lieder und Chöre hat er übernommen.

Im Mariensaal in der Krafftstraße laufen zurzeit die ersten Proben, rund 20 Darsteller sind zum Üben gekommen. „Allerdings brauchen wir noch dringend Männer für den Chor“, sagt Gabriel. Am Probeabend gibt es gerade einmal zwei Männer, beide singen Bass.

Auf „Bommele, bommele“ und „Soja, soja“ wird sich eingesungen. Das klappt erstaunlich schnell. „Ich habe schon im Kirchenchor mitgesungen“, sagt eine Frau, andere haben noch gar keine Erfahrung mit Gesang. „Bisher habe ich nur in der Badewanne gesungen“, sagt Thomas Demuth und lacht. Der 52-Jährige ist arbeitslos, seitdem er mehrere Hörstürze bekam, und bezieht Hartz IV. „Ich bin damals in ein richtiges Loch gefallen, man traut sich plötzlich nichts mehr zu“, sagt er. Durch ein Plakat ist er auf das Projekt aufmerksam geworden und hat sich spontan gemeldet. „Die Decke über den Kopf zu ziehen hilft nicht, man muss sich eben einbringen“, sagt er. Gabriel verteilt die Noten für drei Lieder, zuerst wird das Eröffnungsstück „Willkommen in der verwalteten Welt, hier tauscht man Freiheit mit Geld“ gesungen. „Seid hart in der Aussprache, das ist kein Kuschellied“, sagt Gabriel. Die Sänger folgen ihm, das Stück läuft, obwohl einige es zum ersten Mal singen. „Der Text ist aus dem Leben gegriffen“, sagt Demuth, vieles erkenne er wieder. Tatsächlich prangert Senft in seinen Texten Missstände hart an. „Für familiäre Bindungen ist im Regelsatz kein Platz“ oder „Wie kann man Existenzen auf ein Minimum begrenzen?“ heißt es da.

Eine, die dafür gesorgt hat, dass die Texte die Lebenswirklichkeit von Langzeitarbeitslosen auch abbilden, ist Gudrun Johnson. „Ich war 15 Jahre in Lübeck im öffentlichen Dienst tätig, heute bin ich selbst Hartz IV-Empfängerin“, sagt sie. Vieles von dem, was sie selbst auf dem Amt erlebt hat, sei in das Stück miteingeflossen. „Wir wollen den Zuschauern zeigen, was es für bedeutet, Hartz IV zu beziehen“, sagt sie. So etwa, wenn in „Geros Song“ der gutbürgerliche Gero dem plötzlich arbeitslos gewordenen Akademiker hämisch sein besseres Leben unter die Nase reibt.

„Es wird leider allgemein ausgeblendet, was Hartz IV für die Betroffenen bedeutet“, sagt Peter Strauss, der die Regie des Stückes übernommen hat. Durch einen Artikel hörte er von dem Projekt und bewarb sich dabei. Bei seinem Arbeitgeber, der Commerzbank, habe er eine Mentorenausbildung gemacht und setzt sich für sozial Benachteiligte ein. „Wir brauchen aber noch mehr Mitspieler, außerdem Sponsoren – und einen weiteren Probenraum“, sagt er. Der dürfe aber nicht zu weit abgelegen sein, denn die Anfahrt falle einigen Mitwirkenden schwer. „Das Geld fürs Busticket spare ich vom Essen ab“, sagt eine Mitwirkende. Unterstützer sucht auch Vladimir Majdandzic: Der Dokumentarfilmer begleitet die Proben, seine Kamera läuft immer mit. Ein tolles Projekt sei Broken Hartz, sagt er. „Ich beobachte, wie es sich entwickelt – wenn es gut geht und ich Unterstützer finde, kann ich dazu eine Dokumentation machen“, sagt er.

Zwei Aufführungstermine für Broken Hartz stehen schon fest: Am 7. Oktober in der Alten Schlosserei der EVO und am 8. Oktober in Hainstadt. „Über weitere Auftritte würden wir uns freuen“, sagt Gabriel, auch hierfür wären Angebote willkommen.

Weitere Infos unter info@brokenhartz.de

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