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Offenbach Charlies Offenbacher Vorfahren

Harry Neß, Vorsitzender des Internationalen Arbeitskreises für Druck- und Mediengeschichte, stößt bei seinen Forschungen zur Lithographie auf Karikaturen aus dem Vormärz.

Harry Neß befasst sich mit der Geschichte des Steindrucks. Foto: Renate Hoyer

Die Karikaturisten von Charlie Hebdo werden nichts von Offenbach und der dort weiterentwickelten Lithographie gewusst haben, und im gegenwärtigen Konflikt darum, was Karikaturen dürfen und was nicht, ist dies auch irrelevant. Aber die Karikaturisten von Charlie Hebdo haben mit Sicherheit die bösen Zeichnungen von Honoré Daumier und Grandville aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekannt, und dass diese massenhaft verbreitet werden konnten, hat durchaus etwas mit Offenbach und der Geschichte des hiesigen Druckgewerbes zu tun.

Auf der Suche nach Material für seinen Vortrag auf dem Symposium „Musik zum Anschauen und Anfassen“ ist Harry Neß, Vorsitzender des Internationalen Arbeitskreises für Druck- und Mediengeschichte, auch auf Karikaturen aus der Vormärzzeit gestoßen. Eigentlich geht es Neß um die Geschichte der Lithographie und die Verbreitung von Musiknoten. Die Karikaturen sind Nebensache. Sie erzählen Offenbacher Lokalgeschichte und nehmen die Frankfurter aufs Korn.

Erst Lithographie macht Vervielfältigung möglich

Dass sich die Karikaturen in den 1830er Jahren so rasch entwickelten, ist dem Umstand zu verdanken, dass Alois Senefelder 1799 bis 1802 in der Offenbacher Druckerei von Johann Anton André (1775 - 1842) daran tüftelte, die zuvor von ihm in München erfundene Lithographietechnik zu verbessern. Andrés Anliegen war zuallererst, den Druck von Musiknoten zu vereinfachen; gerade hatte er von Constanze Mozart die Noten von Wolfgang Amadeus Mozart erworben und verkaufte sie später in alle Welt.

„Die Lithographie kommt einem technikhistorischen Schritt in die Moderne gleich“, sagt Neß, „die Bildreproduktion wurde verfeinert und beschleunigt.“ Im Gegensatz zu früheren Verfahren, die langwierige Gravuren auf Metall- oder Holzplatten verlangten, arbeitete die Lithographie mit Steinplatten, auf die mit Fett und Wasser Zeichnungen aufgebracht wurden. Das ging schneller und verbesserte auch die Bilderqualität. Schattierungen und flächiges Malen wurden möglich.

Der industriellen Vervielfältigung von Zeichnungen stand nichts mehr im Wege. Und billiger als Kupferdruck war es auch. Neß, der als Historiker und Pädagoge vor seiner Pensionierung hauptberuflich am Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung tätig war, ist der Meinung, dass von dieser Entwicklung starke Impulse ausgingen, die in ihrer Gesamtheit noch nicht erforscht sind. Die Karikaturisten Daumier und Grandville etwa nutzten die Lithographie.

André hatte die Bedeutung der neuen Technik sofort erkannt. Er ließ es sich einiges kosten, dass Senefelder für ihn arbeitete und sicherte sich die Rechte an der Lithographie. Von seinen zehn Kupferplatten in der Druckerei soll er bald fünf durch Steindruckplatten ersetzt haben.

Die ersten in Offenbach gedruckten Karikaturen muten nach heutigen Maßstäben harmlos an. Es ist die Zeit des 1834 gegründeten Deutschen Zollvereins. Da sich Frankfurt ihm erst 1836 anschloss, profitierte die Messestadt Offenbach kurzfristig von Handel und Zolleinnahmen. Als dies vorbei war, stellte ein unbekannter Künstler unter dem Titel „Wie die Offenbacher die Mauth begraben“ Männer dar, die eine riesige Schatulle zu einem ausgehobenen Grab tragen.

Die Frankfurter hatten es zudem versäumt, ihre Messe von einer Verkaufs- auf eine Mustermesse umzustellen. Eine Karikatur von 1845 macht sich über die offenbar rückständige Frankfurter Messe lustig, ein hockendes Weib verkauft Töpfe, die Menschen tragen dicke Schuhe und Handschuhe, weil sie frieren. Als Frankfurt in den Zollverein eintritt, geht die Messe wieder nach Frankfurt. „Wie die Offenbacher die Mess suchen“ ist der Titel eines Bildes, auf dem die Offenbacher in der Kanalstraße (heute Kaiserstraße) mit Laternen in der Hand ihre Messe suchen.

Das bekannteste Witzbild ist gewiss ist das von 1836. Der Legende nach wurde ein Frankfurter in Offenbach von einem Hund angefallen. Als er sich mit einem Stein wehren wollte, der aber am Boden festgefroren war, soll er ausgerufen haben: „Krieck die Kränk Offebach, die Steine binne se an, die Hunde lasse se laufe.“

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