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Offenbach Bekannt wie Nürnberger Elisen

Zwei Frauen beleben die Tradition der Offenbacher Pfeffernüsse neu. Goethe soll sie geliebt haben. Gebacken werden die Pfeffernüsse in der Profi-Küche des Stadtcafés im Frieda-Rudolph-Haus im Lilipark. Für die Werkstätten Hainbachtal ist der Auftrag ein Glücksfall.

Mmh, lecker, Pfeffernüsse schmecken Annette Laier, Peter Reichard und Susanne Reininger. Foto: Andreas Arnold

Zuerst schmecken sie süß, dann entfalten sie ihr würziges Aroma so intensiv, dass es im Gaumen prickelt. Die Rede ist von Pfeffernüssen, und zwar Offenbacher Pfeffernüssen. Die Journalistin und Autorin Susanne Reininger ist bei ihren Forschungen im Stadtarchiv darauf gestoßen, dass Offenbach seit dem 18. Jahrhundert für seine Pfeffernüsse weltberühmt war. Die Stadt wurde im Zusammenhang mit dem Gebäck in Lexika, Messekatalogen, Tagebüchern und Zeitschriften erwähnt. Goethe soll sie geliebt und sich nach Weimar schicken haben lassen und Felix Mendelssohn Bartholdy soll eigens nach Offenbach gefahren sein, um welche zu kaufen. Das Land Hessen ließ sie bis in die 1980er-Jahre als „Hessische Spezialität“ bei Staatsempfängen servieren. Dann geriet das Gebäck in Vergessenheit.

Jetzt erweckt Reininger gemeinsam mit der Feinkosthändlerin Annette Laier die Tradition wieder zu neuem Leben. Die Frauen möchten die Offenbacher Pfeffernüsse so bekannt wie Nürnberger Lebkuchen und Aachener Printen machen. Dazu verwenden sie ein Originalrezept aus der Zeit um 1900, das sie dem modernen Geschmack angepasst haben. Wochenlang haben Reininger und Laier dazu in ihrer Küche experimentiert und Pfeffer, Muskat, Zimt und andere Gewürze in unterschiedlichen Dosen in den Teig gerührt. Es ging ihnen nicht darum, die historische Zubereitung zu kopieren. „Der Geschmack hat sich verändert“, sagt Reininger.

Das Ergebnis ist ein helles und weiches Plätzchen, das im Nachgang ein raffiniertes Gewürzkonzert ergibt. „Das ist wie ein komplexer Wein“, sagt Reininger, „der Geschmack entwickelt sich im Mund.“ Was und wie viel sie in den Teig mischen, verraten die Frauen auch nicht. Da sind sie so hartnäckig wie die Bäcker vergangener Jahrhunderte. Nur dass Gewürze wie Kardamom, Muskat, Gewürznelke, Pfeffer, Ingwer hineinkommen, das ist sicher.

„Rezept und Zubereitung waren früher eines der bestgehüteten Geheimnisse der Stadt“, erzählt Reininger. Mancher Bäcker soll sich sogar in der Backstube eingeschlossen haben, wenn er den Teig ansetzte. Reininger hat auch herausgefunden, dass jede Familie ihr eigenes Rezept hatte. Das Gebäck war damals ein Luxusartikel, denn die Gewürze waren teuer und für viele Menschen unerschwinglich. Pfeffernüsse wurden daher nur in feinen Geschäften und Hotels angeboten.

Gebacken werden die heutigen Pfeffernüsse in der Profi-Küche des Stadtcafés im Frieda-Rudolph-Haus im Lilipark. Das Café wird von den Werkstätten Hainbachtal betrieben, behinderte und nichtbehinderte Menschen arbeiten dort. Eva Pracht, die für die Einrichtung mitverantwortlich ist, wird mit acht Personen die Plätzchen nach den Vorgaben von Laier und Reininger produzieren. „Wir schaffen fünf bis acht Kilo in der Woche“, erklärt sie. Die Pfeffernüsse sind nicht als Weihnachtsgebäck gedacht, sondern sollen rund ums Jahr erhältlich sein.

Für die Werkstätten ist der Auftrag ein Glücksfall. „Das ist eine Supergelegenheit zu zeigen, zu was Menschen mit Behinderung in der Lage sind: nämlich Qualität abzuliefern“, sagt Geschäftsführer Thomas Ruff. Die Pfeffernüsse sollen nicht das Einzige sein, was in den Werkstätten hergestellt wird. Reininger und Laier planen die Produktion weiterer Spezialitäten, sagen aber noch nicht, um welche es geht.

Zur Geschichte der Pfeffernüsse in Offenbach hat Reininger einige bemerkenswerte Anekdoten zusammengetragen. Im Intelligenzblatt, dem Beiblatt zur Aschaffenburger Zeitung, war 1870 zu lesen, dass Soldaten auf dem Weg zur französischen Front auf einen Wagen der Munitionskolonnen „Offenbacher Pfeffernüsse für Paris“ geschrieben hatten. „Die Nüsse, welche sie damit meinten, waren Bomben von 150 Pfund.“

Nett ist auch das Zitat der Gebrüder Grimm. Sie warnten 1820 ihre Schwester Charlotte vor dem übermäßigen Verzehr: „Von den Pfeffernüssen esse nicht zu viel, sie sollen sehr erhitzen!“ Muskatnuss galt damals als Aphrodisiakum, und Kardamom belebend wie Koffein.

Die Offenbacher Pfeffernüsse sind erhältlich im Feinkostgeschäft „Kaffeerösterei A. Laier“ am Wilhelmsplatz und einigen Wein- und Buchhandlungen. 100 Gramm kosten 3,75 Euro.

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