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Offenbach Aus Vereinskameraden wurden Verfolgte

Aufarbeitung gegen das Vergessen: Wie der OFC mit jüdischen Mitgliedern umging, beschäftigte die Gäste des „Politischen Salons“.

Stolperstein Manfred Weinberg Kickers OFC
Der Stolperstein für Manfred Weinberg am Kickers-Stadion ist leider sehr verwittert und kaum noch lesbar. Foto: Monika Müller

Manfred Weinberg ist das bekannteste jüdische Mitglied des Offenbacher Fußball-Clubs (OFC) – obwohl sein Name nach 1932 über Jahrzehnte weder in Festschriften noch in Vereinschroniken erwähnt worden war. Erst in der Festschrift zum 100. Jubiläum im Jahr 2001 wurde die Zivilcourage des einstigen Kickers-Vorstands gewürdigt, der 1932 mutig einen Auftritt Adolf Hitlers im Stadion am Bieberer Berg verhindert hatte. 2006 übernahm das OFC-Präsidium die Patenschaft für einen Stolperstein mit seinem Namen, der vor dem Stadion verlegt wurde.

Das Schicksal Weinbergs und anderer jüdischer Vereinsmitglieder oder Sportler war jüngst Thema beim „Politischen Salon“. Anlass, sich mit dem lange verdrängten Ausschluss von Juden aus Sportvereinen, ihrer Vertreibung oder Ermordung, zu beschäftigen, war das Ende 2017 erschienene Buch „Wenn ich widderkomm, möcht’ ich die Kickers als deutsche Meister seh’n". Den Autoren Jochem Wicklaus, Jörg Briel, Volker Goll und Harald Spoerl ist mit der Veröffentlichung ein vielschichtiger Blick auf die Vereins- und Sozialgeschichte Offenbachs gelungen.

Einen Schwerpunkt des Buchs nehmen die Rolle und das Schicksal der Juden im OFC ein, die vor 1933 ein selbstverständlicher Teil des Fußballklubs und an dessen Gründung beteiligt waren. Der titelgebende Satz wird Ludwig Löwenstein zugesprochen, der bis 1933 oder 1934 Zweiter Vorsitzender war, 1937 emigrierte, in Belgien von der Gestapo verhaftet wurde, aber entkommen konnte und mit seiner Familie über Havanna nach Amerika gelangte.

1959 besuchte der Lederwarenhändler erstmals wieder Offenbach und war Zuschauer beim Endrundenspiel um den Meistertitel zwischen dem OFC und Westfalia Herne. Der Spruch soll nach der verlorenen Partie gefallen sein. Wicklaus, der über die Vertreibung und Emigration jüdischer Kickers-Mitglieder recherchiert und geschrieben hat, sagte bei der Veranstaltung, die Beschäftigung mit dem Thema zeige „in erschütternder Weise, wie Sport mit Politik zusammenhing und noch zusammenhängt“.

Immer wieder begegne man im Fußballstadion rassistischen Vorurteilen und Parolen. „Das lebt fort“, sagte der Autor und nannte ein Beispiel: So sei ein Kickers-Stürmer nach einem misslungenen Torschuss als Jude beschimpft und ihm, weil er früher für die Eintracht gespielt hatte, unterstellt worden, absichtlich danebengeschossen zu haben.

„Wenn heute einige Dummköpfe Eintracht Frankfurt als ‚Judenclub‘ beschimpfen, dann ist das nicht nur peinlich, sondern zeugt auch von Unkenntnis der Geschichte“, urteilte Wicklaus. Bruno Persichilli, Leiter des Politischen Salons, wünschte sich, die Fans sollten Rückgrat gegenüber Ewiggestrigen beweisen, „so wie es Weinberg 1932 getan hat“.

Weinberg bekam die Rache der Nazis übrigens schnell zu spüren. Er wurde aus dem Verein gedrängt und im März 1933 vorübergehend in ein KZ gebracht. Ende April 1933 musste er zusammen mit anderen Verfolgten mit einer Zahnbürste auf dem Wilhelmsplatz kommunistische Parolen entfernen. Das spielte sich in aller Öffentlichkeit ab, doch auch im einstmals so „roten“ Offenbach erhob sich damals keine Stimme für die gedemütigten Juden.

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