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Offenbach Auf einem Bein ins Leben

Menschen mit psychischen Erkrankungen trainieren sich in koreanischer Heilkunst. Die Leute sollen Freude und Spaß haben und dabei Haltung bekommen.

Füße fest auf dem Boden, die Hand dem Himmel entgegen. Foto: Renate Hoyer

Tief einatmen, Hände hoch, Beine öffnen, Arme über Kreuz, ein Arm in die Höhe gestreckt - die Anweisungen von Trainer Armin Schippling, 56, sind klar und eindeutig. Die zwanzig Teilnehmer seines Kurses in der koreanischen Heilkunst Ki do In Bop befolgen sie konzentriert. Damit der Körper Spannung aufbaut, lässt er die Leute vorwärts und rückwärts laufen. Eine Frau möchte nicht so recht. Er hakt sie unter, sagt „Herzblatt“ zu ihr und läuft mit ihr langsam durch den Raum, andere dagegen machen den Tsunami.

Eine große Leistung

Mieke Steilberg schaut zum ersten Mal zu, wie Schippling das macht. Sie ist erstaunt und berührt. Steilberg ist Betriebsleiterin bei der Stiftung Lebensräume und weiß, wie schwer einige der Personen, die sich da so gerne in asiatischen Bewegungsabläufen üben, zu Aktivitäten zu motivieren sind. Die Kursteilnehmer sind chronisch psychisch krank, sie haben Schizophrenie, schwere Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen und besuchen die Tagesstätten der Stiftung. „Wenn jemand 15 Jahren im Wohnheim lebt, ist es manchmal schwer, an Veränderungen zu glauben“, sagt sie, „und dann machen die Bewohner so einen Kurs mit und es macht Klick“, sagt sie verwundert.

Dass so kranke Menschen einen Sportkurs belegen, kommt eigentlich nicht vor. Aber das Ki do In Bop bei der Shinson Hapkido Kampfschule in Bieber ist die Ausnahme. Diese Woche gab es die letzte Übungsstunde des dritten Kurses. Immer sind alle Plätze belegt. Immer gehen die Teilnehmer gerne hin und fragen sogar danach, wann es wieder soweit ist. „Einige bedanken sich bei mir, dass sie wieder mitmachen dürfen“, sagt Steilberg.

Britta Müller, Ergotherapeutin in der Tagesstätte in der Luisenstraße, ist überrascht darüber, wie gut sich die koreanische Heilkunst auf ihre Patienten auswirkt. „Ich sehe Erfolge, die Leute werden freier“, berichtet sie. Viele hätten starke Ängste und Störungen und nähmen die Umwelt nur eingeschränkt wahr. „Dass sie sich auf die Bewegungen einlassen, ist eine Wahnsinnsleistung.“ Der schwer adipöse Markus (Name von der Red. geändert) habe seit Kursbeginn im Oktober 2014 bereits 15 Kilo abgenommen. Anderen gelinge es zeitweise, aus ihren sich endlos im Kreise drehenden Gedanken auszusteigen.

Schippling übt mit den Teilnehmern unterdessen auf einem Bein zu stehen. „Gerade stehen“, sagt er, „Mund zu, Arme hoch strecken, auf einem Bein stehen“. Schippling ist ein stämmiger Mann mit einer freien Geradeaus-Art. Müller und Steilberg sagen, dass es neben der Sportart und den angenehmen Räumlichkeiten in der Kampfschule seine Persönlichkeit sei, die die Teilnehmer so aufblühen lasse.

Markus, dem die Hosen um die Beine schlackern, schafft es nicht, auf einem Bein zu stehen. Aber er lacht vergnügt, andere stöhnen. Da fordert Schippling Markus auf, seine Version der Übung vorzumachen: Abwechselnd hebt Markus jedes Knie und schlägt sich mit der Hand auf den Oberschenkel, er zählt dabei bis zehn. Damit alle noch mehr Spaß haben, darf Markus das gleiche auf „Offenbacherisch“ machen. Er zählt: „Aans, zwaa, ...“ Alle lachen.

„Die Leute sollen Freude und Spaß haben und dabei Haltung bekommen“, erklärt Schippling. Mit hängenden Schultern und gebeugtem Rücken seien sie zu Kursbeginn vor einigen Monaten in den Trainingsraum gekommen. Das habe sich etwas geändert. Seine Gesundheitsübungen stärkten die Wirbelsäule, schule die Atmung, die Muskeln und Gelenke. „Die Energie muss fließen, der Körper als Einheit wahrgenommen werden. Diesen Menschen muss man das Gefühl für sich wiedergeben.“ Das scheint ihm gelungen zu sein.

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