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Mato-Fabrik Offenbach Der Künstler aus dem Schrank

Eigentlich war dieses Stipendium ja ironisch gemeint: zwei Wochen in einem kunterbunten Schrank der Mato-Fabrik. Doch jetzt hat Stipendiat Nummer eins sein Kunstwerk vorgestellt.

Zwei Wochen Zeit bekam der Offenbacher Künstler Jos Diegel von vier Künstlerinnen im Verein Kunst Raum Mato zur Verfügung gestellt. Zwei Wochen im Schrank, um im Schrank Kunst zu betreiben. Das klingt kurios. So hatten es die Initiatorinnen der Ausschreibung auch gemeint: augenzwinkernd, halbernst. Diegel hat sie beim Wort genommen. Foto: Andreas Arnold

Die roten Vögel auf weißem Hintergrund machen den Schrank noch immer einzigartig. Doch die Türen wurden ausgehängt. Der Blick fällt ins Innere. Das Möbel sieht stabiler aus als im Herbst, als Jos Diegel das Stipendium im Schrank von Ruth Luxenhofer verliehen bekam.

Das liegt an den gestapelten Video-Kassetten, die der Stipendiat hineingebaut hat. Sie scheinen das Regalbrett für die Wäscheablage zu stützen. Unmöglich eine herauszuziehen. Dann stürzt der Turm womöglich samt Schrank ein.

Zwei Wochen Zeit bekam der Offenbacher Künstler Jos Diegel von vier Künstlerinnen im Verein Kunst Raum Mato zur Verfügung gestellt. Zwei Wochen im Schrank, um im Schrank Kunst zu betreiben. Das klingt kurios. So hatten es die Initiatorinnen der Ausschreibung, Eva Moll, Verena Lettmayer, Ruth Luxenhofer und Charlotte Malcolm-Smith, auch gemeint: augenzwinkernd, halbernst.

Wer würde sich schon für einen Wettbewerb melden, bei dem es nichts als zwei Wochen in einem Schrank gibt? Die Künstlerinnen wollten mit der Aktion auf die prekären Bedingungen im Kunstbetrieb aufmerksam machen, wo ernst gemeinte Stipendien ähnlich wenig zu bieten haben. Von wegen. Zwölf Künstler hatten Interesse. Die Jury wählte Jos Diegel aus, weil er künstlerisch am meisten zu bieten hat und gut aussieht. So hart ist das Kunstgeschäft. Die Initiatorinnen sind konsequent.

Diegel, der in der Hochschule für Gestaltung studiert und seine Installationen und Gemälde auf mehreren Ausstellungen zeigte, hat die Zeit genutzt. Tag und Nacht hat er gearbeitet. Einen Videorekorder auf den Schrankboden gesetzt, dutzende Kassetten-Cover übermalt, ihnen andere Titel verliehen und sie im Schrank aufgestellt. Der Schrank ähnelt nun einer Videothek.

"Die Kunst ist ein Schrank" zitiert Marcus Frings, Kurator im Haus der Stadtgeschichte, den Autor Daniil Charms auf der Präsentation. Diegel sei es gelungen, auszudrücken, dass erst der Betrachter Sinn schafft, dadaistisch und ernsthaft zugleich. Die Neugierde nach den Video-Inhalten werde nicht gestillt. "Melancholie des Nicht-Darstellbaren" heißt ein Film-Titel, "Rendez-Vous mit einer Realismusdefinition" ein anderer. "Ich möchte, dass wir uns Gedanken machen und nicht nur konsumieren", sagt Diegel.

"Ich bin überrascht, wie gut die Aktion angekommen ist", bilanziert Eva Moll. Überregionale Zeitungen und Zeitschriften hätten berichtet; die Botschaft sei angekommen, die Ironie erkannt.

Was als Scherz begann, hat einen Diskurs angestoßen. Auch für den 27-jährigen Diegel bringt das Stipendium Erfolg. Er wird den Schrank und andere Werke im Casino einer Unternehmensberatung in Frankfurt ausstellen. Danach muss er den Schrank räumen. Die Initiatorinnen planen ein Folge-Stipendium.

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