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Leonhard Eißnert Ein Roter im Magistrat

"Vielen Offenbachern ist Leonhard Eißnert nur noch als Namensgeber des Waldparks bekannt", bedauert der frühere OB Wolfgang Reuter. Er hat ein Buch über den berühmten Sozialdemokraten geschrieben. Von Maurice Farrouh

06.03.2009 00:03
MAURICE FARROUH
Am Gedenkstein für Friedrich Ebert trat Leonhard Eißner (rechts) 1947 letztmals öffentlich auf - zusammen mit Ministerpräsident Christian Stock. Foto: Stadtarchiv Offenbach

Vor 60 Jahren starb Leonhard Eißnert - Stadtplaner, Vater der Parks und erster "roter" Magistratsvertreter in der deutschen Geschichte. Gerade ist eine Gedenkschrift erschienen, die an den großen Offenbacher Sozialdemokraten erinnert. Erarbeitet hat sie die historische Kommission der SPD. Neben Zeitzeugen kommt auch der frühere Bürgermeister und Beigeordnete Eißnert (1866-1949) selbst zu Wort - in Abschriften seiner Erinnerungen, aufgeschrieben kurz vor seinem Tod. Der knapp 80 Seiten starke Band "Der erste Rote im Offenbacher Magistrat. Leonhard Eißnert: Erinnerungen" zeigt den Politiker, dessen Wirken bis heute in Offenbach sichtbar ist, erstmals auch von der privaten Seite.

Facettenreiche Persönlichkeit

"Vielen Offenbachern ist Leonhard Eißnert nur noch als Namensgeber des Waldparks auf dem Bieberer Berg bekannt", sagt Wolfgang Reuter. Der Vorsitzende der historischen Kommission und frühere Oberbürgermeister ist einer der drei Autoren des Bands. Dass Leonhard Eißnert eine sehr facettenreiche politische Persönlichkeit war, der die Stadt auch heute noch viel zu verdanken hat, sei in Vergessenheit geraten, sagt er.

So steigt Reuter auch nicht etwa mit dem Park, Eißnerts bekanntestem Vermächtnis, in seine Erzählung ein, sondern mit dem 5. Juli 1906 - wohl einem der wichtigsten Tage der Offenbacher Sozialdemokratie. Damals wird Leonhard Eißnert als ehrenamtlicher Beigeordneter in den Stadtvorstand gewählt. Was heute keine spannende Sache mehr wäre, ist damals ein handfester Skandal, der im ganzen Reich Wellen schlägt: Ein Sozialdemokrat, ein "Roter", an der Spitze einer deutschen Stadt! Das hatte es im ganzen Reich noch nicht gegeben.

Mehr als ein halbes Jahr dauert es nach der Wahl, bis der Großherzog Eißnert im Amt bestätigt. Solange laufen konservative und nationalliberale Presse Sturm gegen die Wahl Eißnerts. Eine Frankfurter Zeitung ruft gar nach militärischer Intervention: Preußische Truppen müssten her, um in Hessen für Ordnung zu sorgen. Doch es nutzt alles nichts. Eißnert wird Beigeordneter und erhält ein kleines Dezernat, dem das Friedhofswesen, das Gartenbauamt und die Schiedsstelle unterstellt sind. Zwar sind seine Politikfelder damit vergleichsweise unbedeutend, doch der gelernte Tischler hat visionäre Ideen, die ihm parteiübergreifenden Respekt einbringen. Unter seiner Regie entsteht ein die Stadt umspannender Grüngürtel - der heutige Anlagenring - und der Waldpark am Bieberer Berg. In dieser "grünen Lunge" sollen die Menschen sich von den Strapazen des Alltags in schmutzigen Fabrikhallen und muffigen Wohnungen erholen.

Einblicke ins Privatleben

Als Eißnert im Ersten Weltkrieg auch noch das Baudezernat bekommt, gibt er die entscheidenen Anstöße für etliche neue Wohngebiete: etwa Starkenburg- und Isenburgring, Friedrichs- und Landgrafenring oder Senefelder- und Bachstraße. Sogar die Idee für die Siedlung Tempelsee, die später die Nazis für sich beanspruchten, soll auf Eißnert zurückgehen.

Dem Privatmann Leonhard Eißnert hat Margot Klug, Jahrgang 1931, ihren Beitrag gewidmet. Sie kannte den 1934 pensionierten Alt-Bürgermeister als ihren "Onkel Leonhard". Marie Eißnert, seine Frau, war Margot Krugs Großtante. Sie beschreibt Eißnert als freundlichen, aber auch ehrfurchtgebietenden Mann. "Er war kein Onkel, dem man als Kind sofort auf den Schoß springt", sagt Klug. Auch Günther Geh, 1933 geboren, hatte als Junge zunächst "fast ein bisschen Angst" vor Eißnert, bevor er ihn schätzen lernte. 1947 und 48 schrieb er die Erinnerungen auf, die ihm der hoch betagte Eißnert diktierte. Heute sagt Geh: "Im Mittelpunkt seines Handelns stand immer der Mensch - besonders der sozialschwache und hilfebedürftige. Die Hinwendung zum Menschen prägte Eißnerts politisches und persönliches Leben."

"Der erste Rote im Offenbacher Magistrat. Leonhard Eißnert: Erinnerungen" ist für 7,50 Euro im Handel erhältlich, ISBN 978-3-939537-05-2.

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