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Leitartikel zum Fall Tu?çe A. Der böse Moslem war's

Politiker mit verengter Weltsicht schlachten den tragischen Tod der Studentin Tu?çe A. in Offenbach für parteipolitische Zwecke aus: Der Chef der Freien Wähler in Frankfurt etwa, Wolfgang Hübner, hat mitbekommen, dass der Täter Moslem ist. Damit ist für ihn alles geklärt. Unser Leitartikel.

Auch in Berlin wird getrauert – wie hier bei einer Kundgebung zum Gedenken an Tugçe. Foto: dpa

Knapp fünf Monate ist es her, dass in Neu-Isenburg bei Frankfurt ein 17-Jähriger den Freund seiner Schwester erstach. Der Täter war kroatischer Herkunft, das Opfer serbischer. Der Gedanke, dass die Tat ethnische Hintergründe gehabt haben könnte, liegt zumindest nicht fern. Ein nicht untypischer Fall von patriarchalem Denken, in dem sich ein männlicher Verwandter anmaßt, das Selbstbestimmungsrecht der Frau mit Gewalt einzuschränken.

Die rechte Publizistik hat bislang kein Interesse an dem Fall gezeigt. Und auch vom Chef der Freien Wähler in Frankfurt, Wolfgang Hübner, hat man nichts dazu gehört. Das verwundert nicht, denn dem oben geschilderten Fall fehlt die entscheidende Zutat: der böse Moslem.

Dafür hat Wolfgang Hübner den Fall Tu?çe A. für sich entdeckt. Während in Offenbach Tausende ihrer Anteilnahme mit der Familie in Form einer Mahnwache Ausdruck verliehen, hat Hübner einen Artikel geschrieben, der sowohl auf der Homepage der Freien Wähler als auch auf dem Islam-Hasser-Portal PI-News veröffentlicht wurde. Darin bläst er zum Generalangriff auf den politischen Gegner – in diesem Fall Abgeordnete des Hessischen Landtages, die es gewagt haben, den Fall als Symptom eines größeren Problems, das immer noch gegenwärtig ist, zu deuten: Männliche Dominanz und Gewalt gegen Frauen. Hübner spricht von „politischer Korrektheit“, „gender-ideologischem Müll“ und davon, dass man die wahren Hintergründe der Tat verschweige

Hübner ist nämlich zu Ohren gekommen, dass der Täter, Sanel M., aus der serbischen Region Sandzak stammt. Die ist mehrheitlich muslimisch und damit ist für Hübner klar, woher der Wind weht. Denn merke: Gewalt gegen Frauen ist nur dann interessant, wenn sie von Muslimen ausgeht.

Es sei kurz angemerkt, dass im Gegensatz zu Hübners Behauptungen, die FR auf die Herkunft von Sanel M. eingegangen ist. Nicht weil sie für die Tat relevant wäre, sondern um türkischen Medienberichten, die von einem „serbischen Schlächter“ sprechen, eine differenziertere Sicht entgegenzusetzen. Hübner wird das nicht zur Kenntnis nehmen, denn das würde seiner Selbststilisierung als Kämpfer gegen den politisch-korrekten Mainstream widersprechen.

Man wird von Hübner und Konsorten so einiges nicht hören. Nichts zu dem Fall aus Neu-Isenburg, nichts zu der EU-Studie, die besagt, dass in Deutschland mindestens 35 Prozent aller Frauen über 15 Jahren schon einmal Opfer von Gewalt geworden sind. Nichts zu den Tausenden Frauen, die es täglich wagen, Mut gegen männliches Dominanzgebaren zu zeigen und nicht selten dafür geschlagen werden – und meistens sind die Täter keine Muslime.

Hübner interessiert das nicht. Stattdessen missbraucht er den Tod von Tu?çe A. für seine eigene politische Agitation. Der Freie Wähler-Chef demonstriert einmal mehr seine verengte Weltsicht – und spricht damit ein Urteil über seinen eigenen Charakter.

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