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Kreis Offenbach Hürden auf dem Inklusions-Pfad

Verein geht mit Kreis hart ins Gericht / Verzögerungstaktik bei Anträgen

Erst vor ein paar Tagen wurde der Kreis Offenbach als Vorbild für Inklusion gelobt. Als einer von vier Kreisen in Hessen ist er „Modellregion für inklusive Bildung“. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das behauptet zumindest die Initiative „Gemeinsam Lernen für Stadt und Kreis Offenbach“ (Igel) und spricht von einer „Verzögerungstaktik“ bei der Bearbeitung von Anträgen, von einem enormen schriftlichen Aufwand für Schulen, Pädagogen und Eltern, sowie von Hürden, die sich für Eltern behinderter Kinder beim Transport zur Schule stellen.

Um es vorauszuschicken: Die Igel-Vorsitzende Dorothea Terpitz ist glücklich über die Modellregion für inklusive Bildung. Und freut sich, dass mit Beginn des neuen Schuljahres fast alle Anträge auf Teilhabeassistenz bewilligt wurden und der Kreis Offenbach somit viele Schulen auf dem Weg zur Inklusion unterstützt. Bei der Teilhabeassistenz begleiten pädagogisch ausgebildete Fachkräfte, sogenannte Integrationshelfer (I-Helfer), Kinder mit einer seelischen Behinderung in ihrem Schulalltag. „Noch im vergangenen Schuljahr musste die Teilhabeassistenz in rund 25 Fällen noch mit Anwalt und vor Gericht durchgesetzt werden“, beklagt sich Terpitz.

Keine Ablehnungen, nur Verzögerungen

„In diesem Jahr gibt es keine Ablehnungen, nur Verzögerungen“, sagt die Igel-Vorsitzende. Gegenüber ihrem Verein würden sich Eltern von Kindern mit einer seelischen Behinderung immer wieder beklagen, dass die Bearbeitung der Anträge auf Teilhabeassistenz bei der Kreisbehörde „locker vier bis sechs Monate“ dauert. „Das ist rechtswidrig“, stellt sie fest. Ganz anders laufe das bei der Stadt Offenbach: Dort halte man die gesetzlichen Fristen ein, die besagen, dass ein Antrag binnen zwei Wochen bearbeitet werden muss.

Mehrfach habe die Initiative Igel Berichte erhalten, dass sich die Bewilligung von I-Helfern verzögert, weil Anträge bei einer Ärztin im Sozialamt liegen bleiben – obwohl der Kreis zugesagt habe, dass die Untersuchungen in diesem Jahr von Ärzten des Gesundheitsamtes durchgeführt werden.

Eine Feststellung, der Ralf Geratz-Krambs, der Pressesprecher des Kreises Offenbach, widerspricht. „Die für die Anträge notwendigen Gutachten werden ausschließlich im Gesundheitsamt bearbeitet“, sagt er. Außerdem setze die Zwei-Wochen-Frist erst ein, wenn ein ärztliches Gutachten vorliegt. Und dieses Gutachten müsse nicht binnen zwei Wochen erstellt sein.

Terpitz beklagt noch mehr Hürden: „Die Leitungen der Beratungs- und Förderzentren sowie der Schulen müssen zahllose Berichte schreiben – auch für Kinder, die der Behörde schon seit dem Kindergarten bekannt sind“, sagt Terpitz. Förder- und Klassenlehrer müssten ebenfalls regelmäßig Berichte abliefern. „Die Lehrer stöhnen“, sagt sie. So werde wertvolle Zeit gebunden, die für die inklusive Beschulung verloren geht.

„Undurchschaubarer Behördendschungel“

„Beim Kreis sagt man: Erst mal schauen, ob die Lehrer nicht alleine zurechtkommen“, lässt sich die Igel-Vorsitzende aus, und glaubt, die Gründe zu kennen: „Pädagogische Förderlehrer zahlt das Land, Integrationshelfer, die Alltagshilfe leisten, muss der Kreis zahlen.“

Am „undurchschaubaren Behördendschungel“ leidet der Igel-Initiative zufolge auch eine Familie aus Rödermark. Deren Sohn kann aufgrund einer Behinderung den Schulweg zur Trinkbornschule nicht selbstständig antreten, sondern muss zur Schule gefahren werden muss. Fünf Wochen nach Schulanfang sei der Transport immer noch völlig unklar, sagt Terpitz. Nur dem Einsatz zahlreicher ehrenamtlicher Helfer in Rödermark sei es zu verdanken, dass der Erstklässler in den letzten Wochen überhaupt zur Schule gehen konnte.

„Die Entscheidung für die Eingliederungshilfe ging erst am 9. Oktober bei uns ein“, sagt Geratz-Krambs. Nun werde sie im Haus geprüft. Die Eltern hätten keinen grundsätzlichen Anspruch darauf, die Kosten für die Beförderung zu bekommen. Es handelt sich um eine Strecke von 1,8 Kilometern.

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