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Klinikum Offenbach Zerrissene Erinnerungen

Mindestens 80 Offenbacher starben in der NS-Tötungsanstalt Hadamar, mehr als 120 wurden in der Nazi-Zeit im Klinikum zwangssterilisiert. Für sie gibt es dort nun einen Gedenkstein.

Der Riss in der Stele steht für das Leid. Er teilt nicht nur das Schwarz des Syenits, eines Hartgesteins aus Indien, in eine glatte, tiefschwarze und eine aufgeraute graue Hälfte. Der Riss steht für das nicht gelebte Leben der Menschen, die in Offenbach während der Nazi-Herrschaft Opfer von Zwangssterilisation und "Euthanasie" wurden. So sieht es der Steinmetz Michael Schneider, dessen Werk am Montag im Foyer des Dr.-Erich-Rebentisch-Zentrums im Offenbacher Klinikum enthüllt wurde. Foto: Michael Schick

Der Riss in der Stele steht für das Leid. Er teilt nicht nur das Schwarz des Syenits, eines Hartgesteins aus Indien, in eine glatte, tiefschwarze und eine aufgeraute graue Hälfte. Der Riss steht für das nicht gelebte Leben der Menschen, die in Offenbach während der Nazi-Herrschaft Opfer von Zwangssterilisation und "Euthanasie" wurden.

So sieht es der Steinmetz Michael Schneider, dessen Werk der frühere Oberbürgermeister Walter Buckpesch gestern im Foyer des Dr.-Erich-Rebentisch-Zentrums im Klinikum enthüllte. Die Stele soll an die über 120 Menschen erinnern, die im früheren Stadtkrankenhaus von stadtbekannten Ärzten meist gegen ihren Willen sterilisiert wurden.

Die Personen fielen nach der Nazi-Ideologie unter das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Die Stele soll auch an die mindestens 80 Offenbacher erinnern, die im Rahmen des "Euthanasie"-Programms in Hadamar ermordet wurden. Die 7500 Euro Kosten für die Stele sind durch Spenden zusammengekommen.

Das Denkmal war von der Geschichtswerkstatt angeregt worden. Sie beschäftigt sich mit dem Thema, seitdem die Ärztin Jessika Hennig 2000 in ihrem Buch "Zwangssterilisation in Offenbach am Main 1934-1944" ihre Forschungen veröffentlichte.

Schon Zehnjährige wurden zwangssterilisiert

1900 Akten von Verfahren zu Zwangssterilisationen wurden in Offenbach gefunden. 123 Sterilisationen sind allein für das Stadtkrankenhaus aktenkundig. Wahrscheinlich wurden aber mehr durchgeführt. "Es traf Frauen und Männer zwischen 10 und 61 Jahren", berichtet Barbara Leissing von der Geschichtswerkstatt.

Eine Mehrheit stammte aus den Arbeitervierteln; es waren oft unbequeme und unangepasste Leute, Alkoholiker, Frauen mit mehreren Sexualpartnern, Schulschwänzer, "frühreife" Mädchen, die von Lehrern, Krankenschwestern oder Eltern denunziert wurden. "Im engen Sinne erbkrank waren die wenigsten", sagt Leissing.

Sie bekamen die Diagnose "angeborener Schwachsinn" verpasst, weil sie nicht dem herrschenden Moralbild entsprachen. So Familie H.: "Der Vater, Heinrich H., führte als Korbmacher ein unstetes Wanderleben und war zeitweilig dem Trunk ergeben", heißt es in der von Hennig zitierten Familienanamnese des Leiters des Gesundheitsamts, Karl Wimmenauer. Die Mutter, Trinkerin, Analphabetin, vorbestraft, konnte keinen "ordentlichen" Haushalt führen, ließ die Kinder "verwahrlosen". Die Familie wurde als "minderwertig" eingestuft und drei ihrer Kinder "wegen angeborenen Schwachsinns" sterilisiert.

Viele waren beteiligt

"Es waren Ärzte, Richter, Beteiligte aus der Bürgerschicht", sagt Michael Beseler, Stadtkämmerer und Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikums, anlässlich der Enthüllung des Denkmals, "Menschen aus unserer Mitte", die die Verstümmelung und Ermordung ihrer Mitmenschen ermöglichten. "Das dürfen wir nie vergessen."

Die Urteile fielen im Amtsgericht in der Kaiserstraße 16. Beteiligt war auch das Gesundheitsamt in der Waldstraße, operiert wurde im Stadtkrankenhaus. Das heutige Klinikum stellt sich seiner Geschichte und unterstützte die Initiative für das Denkmal.

"Mitarbeiter der damaligen städtischen Kliniken haben sich mitschuldig gemacht", sagt der Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt. "Die Erinnerung an diese Verbrechen ist für uns zugleich Verpflichtung zu einem Nie wieder."

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