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Kinderärzte in Offenbach Das lange Warten auf einen Termin

Die Stadt Offenbach ist hessenweit Schlusslicht bei der Versorgung mit Kinderärzten.

Offenbach
Bei diesem Baby hat es geklappt mit dem Termin. Foto: Didier Pallages/AFP Foto: AFP

Vier Stunden lang musste ein 32-jähriger Offenbacher im Juli warten, bevor sein neun Monate alter Sohn von der Kinderärztin behandelt wurde. Es war ein spontaner Besuch wegen des Verdachts auf Masern. Und weil Masern ansteckend sind, mussten Mann und Baby im Freien warten, weit weg von den anderen Patienten. „Die Ärztin war total überlastet und konnte das eigentlich gar nicht stemmen“, erzählt der Vater, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

23 685 Minderjährige gab es im September in Offenbach – und zwölf Kinderärzte in zehn Arztpraxen. Das reiche nicht, finden viele Eltern – vor allem neu Zugezogene klagen über lange Wartezeiten auf Termine, bis zu zwei Monate können es bei nicht-akuten Anfragen sein. Der erwähnte Vater hat seinen Plan, die Kinderärztin zu wechseln, mittlerweile allerdings aufgegeben – er ist nach eigener Aussage mehrfach abgewiesen worden.

Offenbach ist hessenweites Schlusslicht, was die Versorgung mit Kinderarztpraxen angeht – das geht aus Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen hervor. Demnach hat die Stadt einen theoretischen Versorgungsgrad von rund 107 Prozent. Barbara Mühlfeld vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) beschreibt die Situation so: „In Städten wie Offenbach und Frankfurt finden Zugezogene selbst für Neugeborene oft keinen wohnortnahen Kinderarzt“. Mühlfeld, selbst Kinderärztin in Bad Homburg, erzählt, dass auch die Kinderarztpraxen im Hochtaunuskreis, wo der Versorgungsgrad bei etwa 137 Prozent liegt, stark ausgelastet seien. In Frankfurt liegt der Wert bei 115 Prozent.

Der Berufsverband sieht das Problem vor allem darin, dass sich zu wenige Ärzte neu niederlassen dürfen – gerade in rasch wachsenden Städten wie Offenbach. Wo sich Ärzte ansiedeln dürfen, wird anhand eines Bedarfsplans geregelt, der von der KV und den Landesverbänden der Krankenkassen nach gesetzlichen Vorgaben erstellt und angepasst wird.

Demnach gibt es in Offenbach zum Beispiel 0,5 freie Kinderarztsitze. In allen anderen Fachrichtungen gilt die Stadt gar als „überversorgt“, hier dürfen sich also keine zusätzlichen Arztpraxen ansiedeln.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen kritisiert die Art, wie der Bedarf berechnet wird, ebenfalls: „Die Bedarfsplanung ist nach wie vor eine Niederlassungsverhinderungsregel und ist nicht geeignet, Versorgung optimal zu beplanen“, heißt es dort.

Barbara Mühlfeld zufolge würden Kinderärzte von den Eltern heute aber auch „deutlich stärker in Anspruch genommen“ als früher. Dazu komme, dass Zwölf-Stunden-Tage nicht mehr so selbstverständlich seien und sich gerade Medizinerinnen eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünschten. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass weniger Termine angeboten werden können. „Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen und damit deren Chancen auf ein gesundes Aufwachsen ist in Gefahr, wenn die Politik nicht schnell handelt“, hatte BVKJ-Präsident Thomas Fischbach vorige Woche beim Verbandskongress in Bad Orb gesagt.

Eine Offenbacher Mutter hatte Glück: Sie hat für ihr Neugeborenes einen Kinderarzt in der Stadt gefunden, mit dem sie sogar praktisch per SMS kommunizieren kann. Sie vermutet aber, dass das nur geklappt hat, weil sie sich schon lange vor der Geburt des Kindes um einen Termin gekümmert hat.

„In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an die Notfallambulanzen der Kinderkliniken“, empfiehlt der Anrufbeantworter einer Offenbacher Kinderärztin. Vor Ort ist das die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Sana-Klinikums. Dort aber dürfen nur stationäre Behandlungen durchgeführt werden. Die drei bis vier Anfragen zur ambulanten Behandlung, die das Krankenhaus pro Tag telefonisch erreichen, werden an die Kinderärzte und ihren Notdienst verwiesen.

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