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Interview Sigrid Herrmann-Marschall „Mit Aufklärung gegenhalten“

Die Offenbacher SPD-Politikerin Sigrid Herrmann-Marschall gilt als Expertin in Sachen islamischer Fundamentalismus. Für ihre Arbeit wird sie oft angefeindet. Ein Interview.

Sigrid Herrmann-Marschall. Foto: peter-juelich.com

Als Treffpunkt schlägt Sigrid Hermann-Marschall das Café Hauptwache vor. Die Zeil ist ihr wohl vertraut. Selbst im dichten Einkaufstrubel fällt die rothaarige SPD-Frau auf. Vor allem dann, wenn sie wieder einmal an einem Samstag mit wenigen Mitstreitern gegen die Koranverteilaktionen der salafistischen Lies-Gruppe demonstriert und dabei um ein Streitgespräch nie verlegen ist.

Frau Herrmann-Marschall, würden Sie sich selbst als „Islamkritikerin“ bezeichnen?
Nein. Das ist mir zu diffus. Mal ganz davon abgesehen, dass mit dem Begriff mittlerweile alle möglichen Dinge verbunden werden, ist mir privater Glaube grundsätzlich egal. Ich bin zwar von Haus aus Atheistin, aber ich sehe Religionskritik nur da als notwendig an, wo die Religion in die Gesellschaft hineinwirkt. Alle Formen privater Frömmigkeit interessieren mich nicht wirklich.

Trotzdem wird ihnen dieses Prädikat oft angehängt, weil Sie sich in ihrem Blog mit den Themen Islam und Islamismus auseinandersetzen. Wie sind Sie auf diese Themen gekommen?
Ich habe mich auch lange Zeit mit anderen Themen wie Patientenschutz oder Sekten beschäftigt. Ich habe mich zum Beispiel mit der sogenannten „Neuen Germanischen Medizin“ auseinandergesetzt. Auch das ist ja eine Form von Glauben. Und wenn Glaube anderen Menschen schadet, werde ich aufmerksam. Oft ist es ja so, dass in solchen Zusammenhängen ein Informationsgefälle zu einem Machtgefälle führt. Wenn ich da mit Aufklärung gegenhalten kann, tue ich das. Die Beschäftigung mit solchen Entwicklung hat dazu geführt, dass ich mich seit Jahren eben mit Islamismus befasse.

Weil Sie eine konkrete Gefahr für die deutsche Gesellschaft sehen?
Sagen wir mal, es ist ein Thema, dass uns sehr beschäftigen wird und muss. Es ist ja kein lokales Problem. Klar etablieren sich auch in Frankfurt und Rhein-Main islamistische Strukturen. Aber dass in islamischen Ländern teilweise bereits seit Jahren und Jahrzehnten fundamentalistische Auslegungen immer mehr an Boden gewinnen, ist ja ein globales Phänomen. Diese Strömungen vertreten offensiv eine Ausweitung des religiösen Raumes auf Kosten anderer sozialer Räume. Das sehe ich als hochproblematisch an. Konkret bedeutet das, dass Fundamentalisten das Leben einzelner Menschen beeinflussen können, diesen Verhaltensweisen aufdrängen können, die sie selbst nicht wollen.

Sind solche Entwicklungen denn aus Ihrer Sicht ein spezifisch islamisches Problem?
Nein. Natürlich gibt es so etwas auch im christlich-fundamentalistischen Bereich. 2009 hatte ich mich zum Beispiel mit den „95 Thesen“ befasst. Darin hatten christliche Kreationisten gefordert, dass die Schöpfungslehre neben den wissenschaftlichen Biologieunterricht gestellt wird. Auf gut Deutsch sollte für die Schüler die Grenze zwischen Wissenschaft und Glauben verwischt werden. Auch so etwas halte ich für höchst problematisch.

Das klingt sehr differenziert. Trotzdem haben ihnen unlängst die Frankfurter Jusos öffentlich unterstellt, rechtspopulistisch zu argumentieren …
Das kann ich mir nur mit absoluter Kenntnislosigkeit der Jusos erklären. Ich habe mal versucht nachzuvollziehen, wie die auf diesen Vorwurf gekommen sind. In der Pressemitteilung, um die es geht, sind Zitate aus meinem Blog verfälscht worden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jusos sämtliche meiner über 400 bislang erschienenen Blogbeiträge gelesen haben, um zu ihrem Urteil zu kommen. Dann wäre es vermutlich anders ausgefallen. Ich glaube sie haben einfach die Suchfunktion genutzt, nach einem Schlagwort gesucht und dann vermeintlich passende Zitate gefunden.

Warum sollten die Jusos das machen? Sie sind schließlich selbst SPD-Mitglied.
Ich nehme an, dass es darum ging, die Frankfurter CDU, auf deren Einladung ich zum Thema Salafismus gesprochen habe, zu attackieren. Dafür wollten sie mich benutzen. Die Jusos haben quasi mit der Schablone „Rechtspopulistin“ aus dem Teig all meiner Texte ein Stück ausgestochen, damit es den gewünschten Zweck erfüllt. Und den Rest einfach beiseite gelassen.

Sie wollen nicht in einen Topf mit der AfD geworfen werden...
Es ist mir sehr wichtig, da ganz klar zu sein. Oftmals ist diffuse „Islamkritik“ keine Kritik im Sinne einer Totalitarismuskritik. Bei der AfD sieht es ja so aus: Über den identitären Vordenker Hans-Thomas Tillschneider, dessen Linie sich beim Parteitag durchgesetzt hat, ist das eher eine ethnisch segregative Richtung. Islamismus ist nach dessen Sicht nichts prinzipiell Abzulehnendes, man will es nur nicht hier. Leider ist das den meisten Anhängern nicht bewusst.

Die Jusos haben Ihnen auch Holocaust-Relativierung vorgeworfen. Es ging dabei um den Satz: Gegen den IS waren die Nazis aber direkt noch eine lebensfrohe Ideologie …
... zumindest für sich selbst, geht der Satz im Original weiter. Das ist natürlich vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. In dem Beitrag, aus dem der Satz stammt, habe ich das Frauen- und Menschenbild der Nationalsozialisten und des Islamischen Staates verglichen. Da habe ich darauf abgestellt, dass es für NS-Anhänger kein jenseitiges Versprechen gab. Die Nazis waren auf das Diesseits gerichtet, sie haben ihren Anhängern kein Walhalla versprochen. Das heißt, dass die NS-Ideologie von ihren Anhängern, weniger Selbst-Opferbereitschaft gefordert hat. Dieses Zitat von mir bezieht sich also nicht auf die Opfer der Nazis, was in der Tat Holocaust-Relativierung wäre, sondern auf die Anhänger der jeweiligen Ideologie. Anhängerinnen des Nationalsozialismus wollten dem Führer zum Beispiel „ein Kind schenken“. Das war für das Diesseits, damit diese im Diesseits instrumentalisiert werden können. Der IS hingegen zielt auf das Jenseitige. Frauen sollen künftige Märtyrer in die Welt setzen. Das ist eine Beschreibung, keine Wertung.

Sie haben Strafanzeige gegen die Jusos gestellt. Es ist nicht der einzige Rechtsstreit. Der Verein Islamic Relief hat unlängst eine einstweilige Verfügung gegen Sie erwirkt, weil sie behauptet haben, dass die Organisation Spenden für die Hamas anwirbt …
Bei Islamic Relief geht es um ein Zitat, das vom israelischen Verteidigungsministerium stammt. Das habe ich gekennzeichnet und wortgetreu aus der B.Z. übernommen. Der Rechtsstreit als solcher ist völlig sinnlos. Islamic Relief hat gegen die B.Z. bereits in zwei Instanzen vor einem Kölner Gericht verloren. Dass Islamic Relief es trotzdem auf einen Prozess gegen mich ankommen lässt, kann ich mir nur so erklären, dass es darum geht, Gegner einzuschüchtern.

Woran machen Sie fest, ob Aktivitäten etwa eines Moscheevereins problematisch sind?
Ich schaue mir zum Beispiel an, wo Hassprediger auftreten. Nehmen wir den Prediger Tarik Ibn Ali aus Belgien. Der tritt nicht in normalen Moscheen auf, sondern nur in einer bestimmten Art Gotteshäuser. Ich versuche Strukturen zu erkennen und diese öffentlich zu machen. Das ist wichtig. Sonst kommt es zu solchen Situationen wie unlängst in Offenbach, wo zwei Schulklassen eine Moschee besucht haben, die zumindest nicht unproblematisch ist.

Gibt es aus Ihrer Sicht Aspekte des islamischen Fundamentalismus, die in den Medien zu kurz kommen?
Wir übersehen oft den Fundamentalismus bei Frauen. Ein Problem, das man auch lange beim Rechtsextremismus hatte. Die weibliche Szene agiert anders, weniger öffentlich. Und was mir auch definitiv zu kurz kommt, ist die Sache mit der Förderung von fundamentalistischen Gruppen durch die öffentliche Hand. Das geht hauptsächlich über die Dachverbände. Lehrer und Kommunen werden noch nicht ausreichend konkret informiert. Es gibt da vieles.

Glauben Sie, dass Ihre Arbeit leichter wäre, wenn Sie Muslima wären? Würde Ihre Kritik dann vielleicht auch eher in den muslimischen Gemeinden akzeptiert?
Jenseits fundamentalistischer Kreise wird meine Arbeit durchaus geschätzt. Ich mache ja immer wieder auch darauf aufmerksam, dass Radikalisierung zu 80 Prozent muslimische Familien zerstört. Und ich werde auch von Leuten akzeptiert, die versuchen aus solchen Zusammenhängen herauszukommen. Erst gestern hatte ich jemanden am Telefon, dessen Einrichtung ich wegen Zusammenhängen mit Fundamentalisten im Blog kritisiert hatte. Er hat mir glaubhaft versichert, dass man sich inzwischen dagegen abgrenzt. Es war ein Jugendprojekt, da bin ich immer besonders wachsam. Den Artikel habe ich inzwischen gelöscht.

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