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Integration Die Welt ein bisschen besser machen

Stadtschulsprecherin und Trägerin des Integrationspreises: Hibba Kauser legt sich mit Politikern an, um zu helfen.

Hibba Kauser
Entspannt nach den schriftlichen Abiturprüfungen und einem TV-Auftritt: Hibba Kauser im Pausenhof der Offenbacher Leibnizschule. Foto: Rolf Oeser

Hibba Kauser ist intelligent, eloquent, charmant und höflich. Doch streiten möchte man sich lieber nicht mit der 18-jährigen Abiturientin und Offenbacher Stadtschulsprecherin, die vergangene Woche in Maischbergers TV-Sendung „Kampfzone Klassenzimmer “ zu Wort kam. Denn die junge Frau mit pakistanischen Wurzeln kann gut argumentieren. Das bekam jüngst auch Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zu spüren, der behauptet hatte, es gebe keinen Unterrichtsausfall. Die Landesschülervertretung, deren Vorstand Kauser angehört, bewies das Gegenteil.

Die Offenbacherin hält die Aussage des Ministers für einen Skandal und verlangt, dass Lorz „nicht weiter die Augen vor der Realität verschließt, die von uns vorgelegten Zahlen ernst nimmt, den Lehrermangel bekämpft und etwas gegen Überlastung der Lehrer und miserable Schulgebäude unternimmt“. Auch bei anderen Themen nimmt sie kein Blatt vor den Mund, kritisiert das dreigliedrige Schulsystem, den Leistungsdruck, die Schule als „digitale Wüste“ und Menschen (vor allem ältere), die an der Jugend rummäkelten, statt diese zu fördern und zu ermutigen.

Bekannt wurde Kauser als Mitinitiatorin einer Online-Petition gegen die Abschiebung afghanischer Jugendlicher, die in Offenbach zur Schule gehen. 56 000 Unterschriften konnte sie mit anderen Mitschülern Ende April dem Petitionsausschuss des Bundestags übergeben. Für ihr Engagement wurde ihr im April zusammen mit der Theodor-Heuss-Schule der Integrationspreis der Stadt verliehen.

Seit 2008 in Offenbach

Kausers Eltern, die der Ahmadiyya-Gemeinschaft angehören, flohen 1999 wegen der zunehmenden religiösen Verfolgung mit den beiden Söhnen aus Pakistan nach Deutschland. Die Mutter war damals im siebten Monat schwanger. Hibba kam in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Schwedt an der Oder zur Welt. Vier Jahre lebte die Familie dort. Hibba Kauser hat nur gute Erinnerungen an diese Zeit. In der Unterkunft habe sie viele Freundschaften geschlossen. Außerdem habe es viele Unterstützer gegeben, „die uns das Leben schön gemacht und uns beispielsweise zu Weihnachten beschenkt haben“.

Fremdenfeindlichkeit habe sie auch später im brandenburgischen Prenzlau nicht erlebt. Sie sei häufiger auf ihre dunklere Hautfarbe angesprochen worden. „Aber ich habe mich nie ausgeschlossen gefühlt.“ Die Menschen hätten ihr das Gefühl vermittelt, dazuzugehören. Auch die Eltern förderten die Entwicklung ihrer Kinder. Für sie war es selbstverständlich, dass Hibba und die jüngste Tochter das Gymnasium besuchen. „Bildung war ihnen absolut wichtig.“

Seit 2008 lebt die Familie in Offenbach. Hibba Kauser geht auf die Leibnizschule, ein altsprachliches Gymnasium. Sie wurde dort erst Klassensprecherin, dann Schulsprecherin und später auch Stadtschulsprecherin. Seit 2016 gehört sie der Landesschülervertretung an.

Vorbild für junge Leute

Die junge Frau hat eine simple Erklärung für ihre Redegewandtheit. „Wenn es aus dem Herzen kommt, finde ich die passenden Worte dafür.“ Das Argumentieren und eine Portion Sturheit habe sie wohl von ihrer Mutter geerbt, die sehr hartnäckig ihre Meinungen vertreten habe. Im Gespräch betont Kauser, wie wichtig es ihr sei, anderen Menschen zu helfen. Ab der siebten Klasse besuchte sie Menschen im Altenheim, engagierte sich als Schulsanitäterin und in einem Kita-Patenprojekt. Ihr sei in frühen Jahren geholfen worden. Jetzt sei sie froh, etwas davon zurückgeben zu können.

Sie möchte durch ihr Vorbild vor allem junge Leute motivieren, aktiv zu werden. Schließlich könne jeder zur Veränderung beitragen. Sie ist jedenfalls entschlossen, zusammen mit anderen die Welt ein bisschen besser zu machen. Nach dem Abitur will sie ein soziales Jahr in Afrika absolvieren. Das Schicksal der Kinder dort habe sie schon sehr früh berührt. Anschließend kann sie sich ein Studium der Philosophie und Politikwissenschaft vorstellen.

Dass eine so engagierte, selbstbewusste  Frau Kopftuch trägt, scheint ein Widerspruch, weil es für viele ein Zeichen von Unterdrückung oder Unterordnung ist. Solche Vorurteile ärgern Kauser. Die Kopfbedeckung sei Ausdruck ihrer Religion. Es komme doch nicht darauf an, was man auf dem Kopf trage, sondern auf den Charakter und die Ausstrahlung. Und da herrscht bei ihr kein Zweifel. Sie trägt den Stoff, der ihre schwarzen Haare locker bedeckt, eher nach venezianischer als nach muslimischer Mode.

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