Lade Inhalte...

Fredenhagen-Insolvenz in Offenbach Ungewissheit, Zukunftsängste, Geldsorgen

"Gestern sind hier Tränen geflossen, selbst bei den starken Jungs in der Montage", sagt Heike Skrzipczyk. Der Förderanlagen-Bauer macht dicht. Nach 137 Jahren. Von Wiebke Rannenberg

In der Halle von Fredenhagen in Offenbach läuft keine Maschine, niemand bohrt, hämmert oder passt Teile ein. Nur ein paar Männer in blauen Hosen murmeln, hantieren an Werkbänken, räumen auf. Nach 137 Jahren endet damit wohl ein Stück Offenbacher Industriegeschichte. Foto: Rolf Oeser

Es ist ruhig, die Worte der Betriebsratsvorsitzenden sind deutlich zu verstehen. Und das ist eigentlich das auffälligste. Denn es ist Dienstagvormittag, 1. September, zehn Uhr, beste Produktionszeit.

Aber in der Halle von Fredenhagen in Offenbach läuft keine Maschine, niemand bohrt, hämmert oder passt Teile ein. Nur ein paar Männer in blauen Hosen murmeln, hantieren an Werkbänken, räumen auf.

"Gestern sind hier Tränen geflossen, selbst bei den starken Jungs in der Montage", sagt Heike Skrzipczyk. Denn seitdem ist endgültig klar: Fredenhagen macht dicht. Nach 137 Jahren. Der Insolvenzantrag ist gestellt, 36 der 76 Beschäftigten sind vorläufig freigestellt. 40 arbeiten noch: viele davon sind unterwegs bei Kunden oder in Niederlassungen in der ganzen Welt.

In Offenbach sitzen noch die Personalleute in ihren Büros und organisieren die Auflösung. Auf keinen Fall dürften die Urlaubstage für das ganze Jahr genommen werden, steht in einem Schreiben der Personalabteilung am Schwarzen Brett. Nur die drei Auszubildenden haben Glück im Unglück, sie sind in anderen Betreiben untergekommen.

Noch ist nicht alles ausgehandelt

"Das greift einen schon an, dieses Sterben auf Raten", sagt ein Mann. Als er angefangen hat, waren es noch über 300 Menschen, die bei Fredenhagen Förderbänder und -systeme konstruierten, bauten und warteten. Jetzt läuft eine Handvoll Männer durch die Halle. Er will anonym bleiben, so wie die anderen auch.

Schließlich weiß man nie, was noch kommt. Noch ist nicht alles ausgehandelt, eine vielleicht mögliche Transfergesellschaft steht noch nicht. Und vielleicht wird ja der ein oder andere doch noch gebraucht bei der Mutterfirma Stotz Fördersysteme.

Doch Heike Skrzipczyk kann erzählen, wie es den Leuten bei Fredenhagen geht, seitdem die Geschäftsführung am 6. Juli den Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahren gestellt hat. Ungewissheit, Zukunftsängste und Geldsorgen. Seit drei Monaten haben sie kein Geld bekommen - denn das Insolvenzgeld wird erst gezahlt, wenn der Insolvenzantrag endgültig gestellt wird. Sommerurlaube wurden gestrichen.

Mit einem Brief des Insolvenzverwalters hat manch einer seinen Dispo bei der Bank ausweiten können. Doch erst gestern habe ein Kollege erzählt, seine Frau frage täglich, "wann das Geld kommt". Andere haben schon die ersten Bewerbungsgespräche geführt.

Doch es gibt auch Unverständnis, Ärger und Wut. "Mehr Fragen als Antworten" ist der Artikel im Krisenticker der IG Metall überschrieben, der am Schwarzen Brett hängt. "Warum verlegt man drei Wochen vor der Insolvenz den Unternehmenssitz nach Lilienthal östlich von Bremen und ändert damit die Zuständigkeit der Amtsgerichte von Offenbach in das deutlich kleinere Verden?"

Wie kann der Insolvenzverwalter innerhalb von drei Tagen erkennen, dass die verfügbare Masse zwar für das Verfahren reiche, aber den Anlagenbauer "ohnehin keiner kaufen wolle"? Auch eine Festplatte mit wichtigen Konstruktionsdaten soll kurz vorher weggebracht worden sein.

Darauf hätten Betriebsrat und IG Metall bis heute keine befriedigende Antwort, sagt Skrzipczyk. So macht im Betrieb der Spruch vom "geplanten Konkurs" die Runde. Konkurs zugunsten der Firma Stotz Fördersysteme, die zum 1. Januar 2008 den ehemaligen Familienbetrieb gekauft hatte. Stotz war zuvor von der Beteiligungsgesellschaft KV Capital übernommen worden.

In der Halle steht die Rohbaukarosse eines Autos. Erst vor Kurzem sei damit eine neue Fördertechnik getestet worden, sagt Skrzipczyk. Damit hat sich Fredenhagen seinen weltweiten Ruf erworben: Mit Bändern und Bahnen, die dafür sorgen, dass Bauteile an die Schweißstraßen und Produktionsplätze kommen.

Leider habe die Geschäftsführung in den vergangenen Jahren nur auf die Autoindustrie gesetzt, sagt die Betriebsrätin. Der Schüttgutbereich, Fördersysteme für Steinbrüche oder Zementfabriken, sei "vernachlässigt worden".

Skrzipczyk war 31 Jahre lang im Betrieb, schon als Lehrling. Auch jetzt hat sie noch viel zu tun, zu reden und zu verhandeln. Nicht mehr in ihrem Hauptjob im Versand. Aber im Ehrenamt als Vorsitzende des Betriebsrats. Da bleibt im Moment wenig Ruhe. Doch sie ist sich sicher: "Die Trauerarbeit kommt noch."

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen