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Elektromobilität „Das eigene Auto überflüssig machen“

Offenbach treibt die Elektromobilität für die ganze Region voran. Ein Gespräch mit Anja Georgi und Janine Mielzarek.

Ladestation in Offenbach
Offenbach unterstützt alternative Verkehrskonzepte. Foto: Rolf Oeser

Seit 2009 gibt es die Modellregion E-Mobilität Rhein-Main. Offenbach spielt dabei als Projektleitstelle eine Vorreiterrolle. Werden hier also Projekte ausprobiert, die auch anderswo eingesetzt werden?
Georgi Nicht direkt. Allerdings gibt es tatsächlich ein Projekt, bei dem das so ist. Das sind die E-Mobilstationen. Dabei ist Offenbach für den RMV eine Blaupause. Wenn es also hier funktioniert, will der RMV das auch in andere Regionen transportieren. Die Idee ist, Mobilitätsketten zu bilden und S-Bahn und Elektroautos miteinander zu verknüpfen. Das Gegeneinander von Individualverkehr und ÖPNV funktioniert einfach nicht – das muss vernetzt werden. Ziel ist, das eigene Auto überflüssig zu machen. Dafür reicht es nicht, nur Busse und Bahnen mitzudenken.

Was macht die Projektleitstelle?
Mielzarek Wir sind eine Schnittstelle zwischen den Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen, sei es bundesweit oder regional und unterstützen hier den Informationsaustausch und Informationstransfer. Außerdem haben wir inzwischen ein sehr umfangreiches Netzwerk gebildet, in dem wir bei allen wichtigen Neuerungen unsere Akteure zusammenführen. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist auch die Förderberatung. Es gibt ja diverse Förderprogramme für Elektromobilität – sei es die Busförderung, Ladeinfrastruktur oder andere eher kommunal zugeschnittene Programme. Unser Wissen darüber geben wir an unsere Netzwerkpartner weiter.

Georgi Wir sind national und international im Austausch und werden immer wieder angefragt, um von unseren Erfahrungen zu berichten. So war ich auch schon für Vorträge in Kyoto, Uppsala oder Barcelona.

Mielzarek Akteure, die sich für Elektromobilität interessieren, suchen das Gespräch mit uns. Wir versuchen dann gemeinsam passende Projekte zu entwickeln. Dabei geben wir Anstöße. Die Idee ist, Wissen zu vernetzen, damit nicht alle immer wieder bei Null anfangen müssen.

Wer gehört zu dem Netzwerk?
Georgi Das sind Kommunen, Energieversorger und Industrieunternehmen aus ganz Hessen. Zudem gehören Hochschulen dazu. Beim Start hatten wir auch viele Projekte im Forschungs- und Entwicklungskontext, die technisch und sozialwissenschaftlich begleitet wurden. Inzwischen geht es aber mehr darum, die Elektromobilität in die Fläche zu bringen.

Wie sieht Ihre Beratung aus?
Mielzarek Wir veranstalten regelmäßig Workshops, etwa bevor die neue Ladeinfrastrukturförderrichtlinie veröffentlicht wurde, um für Themen zu sensibilisieren. Teilgenommen haben auch Vertreter von Wohnungsbaugesellschaften, Energieversorgern und Supermarktketten.

Bei der Modellregion geht es also vor allem um Vernetzung?
Mielzarek Ja und nein. Wir haben für die Modellregion in den vergangenen drei Jahren vor allem zwei Schwerpunkte bearbeitet. Das war zum einen der Aufbau der Allianz für Elektromobilität mit dem Schwerpunkt Mobilitätsketten. Zum anderen lag der Fokus auf der Elektrifizierung der Logistikprozesse am Frankfurter Flughafen.

E-Mobilität am Flughafen?
Mielzarek Beim Projekt E-Port an geht es darum, die Bodenverkehrsdienste möglichst zu elektrifizieren – also elektrische Passagiertreppen, die Anlieferung von Catering und den Transport von Crewmitgliedern.

Ist geplant, Passagiere in Elektrobussen zu transportieren?
Georgi Das wird intensiv geprüft. Aber es gibt da noch ein Problem: Unter den Terminals sind die Decken nicht hoch genug. Deshalb kommen Busse mit Batteriepaketen auf dem Dach dort nicht durch. Das gleiche Problem gibt es übrigens bei Unterführungen – in Offenbach an der Bahnunterführung in Bieber.

Was tut sich in Offenbach selbst in Sachen Elektromobilität?
Mielzarek Mit den Projekt E-Mio haben wir seit 2013 40 Elektroautos auf die Straße gebracht. Die Offenbacher Stadtwerke leasen diese Autos und vermietet sie mit einem Rundum-Sorglos-Paket für drei Jahre an interessierte Firmen weiter. Damit beweisen wir in gewisser Weise, dass Elektroautos auch alltagstauglich sind. Seit 2016 sind alle Autos vermietet, derzeit bauen wir die Ladeinfrastruktur aus und bieten immer mehr Leihfahrzeuge an.

Was ist mit Elektrobussen?
Georgi  Zunächst werden wir jetzt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben und dann erstmal einen Standardbus und einen Gelenkbus beschaffen. Von 2019 an soll die Flotte dann über die Ersatzbeschaffung nach und nach auf Elektrobusse umgestellt werden.

Viele Busse sind recht neu ...
Georgi Ja, wir haben eine sehr moderne Flotte. Jedes Jahr werden drei bis fünf Busse ausgetauscht. Dieselbusse haben bei uns eine Nutzungsdauer von zehn Jahren, bei Elektrobussen geht man im Moment von 16 Jahren aus. Daher wird es schon etliche Jahre dauern, bis alle 70 Busse einen Elektromotor haben.

Es gab 2011 einen E-Bus im Testbetrieb. Was war das Ergebnis?
Mielzarek Wir waren 2011 deutschlandweit die ersten, die Elektrobusse ausprobiert haben. Dabei konnten wir auch wichtige Erfahrungen für den Betriebsablauf sammeln.

Georgi Das Fazit war: Grundsätzlich funktioniert das.

Warum hat Offenbach trotzdem noch keinen Elektrobus?
Georgi  Elektrobusse sind immer noch viel teurer als die anderen. Bei uns ist zudem wegen der vergleichbar kleinen Flotte das Risiko viel größer. Für Hamburg, Berlin oder Köln ist das anders. Seit Anfang 2016 aber gibt es auch Förderprogramme.

Die Ladestationen für Elektroautos sieht man. Doch was passiert hinter den Kulissen?
Mielzarek Offenbach ist eine der ersten Städte, die einen dezernatsübergreifenden Lenkungskreis zu Elektromobilität hat. Ziel ist, Elektromobilität ins Verwaltungshandeln zu integrieren. Das hat schon zu Änderungen in der Stellplatzsatzung und bei den Parkgebühren geführt, die Elektroautos bevorzugen. So müssen Investoren weniger Stellplätze vorhalten, wenn sie ein Mobilitätskonzept vorlegen, und Autos mit E-Kennzeichen sind von Parkgebühren befreit.

Georgi Für die Umsetzung entscheidend ist ja immer der politische Wille. Daher können wir uns glücklich schätzen, dass wir eine breite politische Zustimmung für Elektromobilität haben. Zuletzt wurde das 2016 im Koalitionsvertrag festgehalten.

Mielzarek Wir wollen von der Idee wegkommen, E-Mobilität nur mal auszuprobieren. Ziel ist, diese im Alltag zu verankern.

 

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