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Einzelhandel in Offenbach Zurück zur Kunst

Mit Anny und Sibel Öztürks Designladen „Marterie“ schließt ein weiterer Kulturort in Offenbach seine Pforten.

Einzelhandel in Offenbach
Wollen jetzt wieder mehr künstlerisch arbeiten: Sibel und Anny Öztürk (von links) in ihrem Laden. Foto: Michael Schick

Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, die Holzdielen von den Linoleumschichten zu befreien. Die lange Zeit hinter Putz versteckten Backsteine ans Tageslicht zu klopfen – so wie auch die alten Fliesen einer Metzgerei, die wohl schon seit über hundert Jahren an den Wänden des Altbaus in der Offenbacher Geleitsstraße hängen. Anny Öztürk nickt: „Zu gehen fällt uns nicht leicht“, sagt sie. Schwester Sibel ergänzt knapp: „Wir haben überzogen und jetzt ist es gut.“ Denn aus geplanten sechs Monaten in besagten Räumlichkeiten werden Ende 2018 zwei volle Jahre geworden sein.

Anny und Sibel Öztürks Kunstprojekt „Marterie“, das mitten in der Stadt gelegen gleichzeitig Ausstellungsraum, Bar und Laden für Designermöbel ist, also „Art“ und „Materie“ zugleich, macht zum Ende des Jahres dicht. Die „Marterie“ habe viel Freude gemacht – manchmal aber auch „frustriert“, erzählt Anny, während sie an einem Spätsommervormittag die zwischen 60er-Jahre-Möbeln und Vintage-Vasen verstreuten Reste des letzten Bar-abends zusammenklaubt. Wirklich gerechnet habe sich das Ganze nicht, denn Laufkundschaft für Designerware gebe es in Offenbachs Innenstadt kaum.

Die Nachricht von der Schließung des verwinkelten Kunstladens, an dessen Wänden die Werke lokaler Künstlerinnen und Künstler hängen, hat manche in Offenbach aufgeschreckt. Nach ebenfalls zwei Jahren hatte 2017 nicht weit entfernt die Initiative Multiversum aufgeben müssen, weil der Besitzer des Hauses auf dem Grundstück einen Neubau errichten lassen wollte. Die Kunstausstellungen, Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen und Lesungen dort waren passé. Einen neuen – bezahlbaren – Ort für Kultur haben die Multiversum-Macher bis heute nicht gefunden.

Nun folgt die „Marterie“. Doch die Gemengelage hier ist eine andere, macht Anny Öztürk klar: Mit dem Vermieter komme man sehr gut aus, man kenne ihn sogar aus der Kindheit ein paar Häuser weiter. „Wir müssen uns mal um uns und um die Kunst kümmern und mehr Zeit mit den Familien verbringen“, sagt Anny. Denn die „Marterie“ war von Anfang an ein Hobby und Zweitjob für die Geschwister, die in den Zollamt-Studios gegenüber des Ledermuseums ihr Atelier haben. Und in ihrem Erstjob steht ein größeres Projekt an: die künstlerische Gestaltung des Sozialministeriums in Wiesbaden. „Es war ein Traum“, erzählt Anny mit Blick auf die liebgewonnene „Marterie“. Schon mit 18 habe sie einen Laden mit aufgemotzten Möbeln aufmachen wollen – seitdem stand das auf ihrer „Bucket List“, jener Liste mit Dingen, die man bis zu seinem Tod noch machen möchte. 

Anny und Sibel Öztürk haben an der Städelschule studiert und sich in der rhein-mainischen Künstlerszene in den letzten Jahren mit immer neuen Ideen, Projekten und Zwischennutzungen – etwa am Offenbacher Hafen – einen Namen gemacht. Und auch wenn mit der „Marterie“ bald ein weiterer Kulturort aus Offenbach verschwindet, lassen die Geschwister nichts auf ihre Heimatstadt kommen. „Man muss die Kultur hier halt ein bisschen suchen, aber wenn man interessiert ist, kriegt man sie schon mit“, sagt Sibel und schwärmt vom „Kulturwaggon“ am Main, wo es seit zehn Jahren vor allem Konzerte gibt. Schade sei, dass nur wenige von außerhalb in die Stadt kämen.

Als „tolle Gastgeberinnen“ beschreibt Lutz Jahnke Anny und Sibel Öztürk. Der Designer und Künstler, der am Goetheplatz das Kulturzentrum „afip“ betreibt, wünscht sich, dass die Stadt in der Wirtschafts- und Kulturförderung neue Wege beschreitet und Kulturschaffende und Designer vor Ort zielgerichteter unterstützt. 

Anny und Sibel Öztürk bleiben Offenbach aber so oder so erhalten. „Nur weil wir zumachen, heißt das nicht, das wir nie wieder etwas machen“, sagt Sibel Öztürk. Auf besagter „Bucket List“ stehe nämlich noch einiges – zum Beispiel eine eigene Modelinie.

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