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Ehrenmorde „Ehrenmorde gibt es auch bei Deutschen"

Die Situation für Frauen hat sich stark verbessert, sagen Magarete Sticksel und Heidi Balthasar, Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle und im Frauenhaus von Frauen-helfen-Frauen in Offenbach.

08.02.2014 09:00
Frau Sticksel (r.), Frau Balthasar (l.), Sie arbeiten beide schon seit mehr als zehn Jahren in der Beratungsstelle und im Frauenhaus von Frauen-helfen-Frauen in Offenbach Foto: Renate Hoyer

Frau Sticksel, Frau Balthasar, Sie arbeiten beide schon seit mehr als zehn Jahren in der Beratungsstelle und im Frauenhaus von Frauen-helfen-Frauen in Offenbach. Haben sich die Problemlagen der Frauen, die zu Ihnen kommen, in dieser Zeit verändert?

Sticksel: Auf alle Fälle. Früher kamen Frauen speziell in die Beratungsstelle, um sich in Trennungs- und Scheidungsfragen beraten zu lassen. Man konnte damals relativ klar beraten hinsichtlich der Vorgehensweise. Doch durch viele Gesetzesänderungen hat sich die Situation für Frauen verschlechtert. Beispielsweise haben sie inzwischen größere Probleme, das alleinige Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen, auch wenn sie in der Beziehung Gewalt erfahren haben. Dadurch wird es schwieriger für Frauen, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen.

Balthasar: Auch die Sorgerechts-Verfahren sind komplizierter geworden. Es werden vielmehr Verfahrenspfleger eingesetzt als früher. Wir Mitarbeiter müssen jetzt während des Frauenhausaufenthaltes viel mehr Sachen klären, aber gleichzeitig den Alltag im Frauenhaus organisieren.

Betroffene Väter werden es aber vermutlich als gerechter empfinden, wenn ihnen der Umgang mit ihren Kindern nicht mehr ganz so leicht untersagt werden kann...

Sticksel: Wir haben immer zwei Mitarbeiterinnen pro Familie. Eine schaut ausdrücklich nur auf die Belange der Kinder die andere auf die Belange der Frau. Wenn die Bedürfnisse unterschiedlich sind, das kann auch in Bezug auf den Umgang mit dem Vater sein, dann wird nicht per se der Umgang unterbunden, sondern nach einer Lösung gesucht wie zum Beispiel begleiteter Umgang.

Wir sprechen bislang nur über rechtliche Rahmenbedingungen. Aber die entscheidendere Frage ist doch, wie es mit den Fallzahlen aussieht? Haben Fälle häuslicher Gewalt in den letzten Jahre zu- oder abgenommen?

Balthasar: Wir haben ja Einblick in die Polizeistatistik. Erst seit 2002, seit dem Inkraftreten des Gewaltschutzgesetzes, wird ja überhaupt eine Statistik über häusliche Gewalt geführt. Und da kann man sehen, dass die Zahlen zeitweise angestiegen sind und sich jetzt im Moment stabilisiert haben.

Sticksel: Was wir beobachten ist, dass auch durch unsere Öffentlichkeitsarbeit mehr Frauen über ihre Rechte informiert sind und mehr Frauen sich trauen, Gewalt anzuzeigen, die Polizei zu rufen und sich Hilfe zu suchen. Frauen wissen jetzt, dass es eine Straftat ist, wenn sie von ihrem Partner geschlagen werden. Und sie wissen, dass sie sich Hilfe holen können. Häusliche Gewalt gab es schon immer. Aber sie wurde noch nie so aufgedeckt wie heute. Die Polizei ist früher wegen Familienstreitigkeiten ausgerückt und nicht wegen häuslicher Gewalt. Es sind also vermutlich nicht mehr Fälle. Aber mehr Frauen nehmen Hilfsangebote in Anspruch.

Würden Sie sagen, dass es unter den Frauen, die bei Ihnen Hilfe suchen, typische Hintergründe gibt? Gibt es so etwas wie einen bestimmten Typus Frau, der Gewaltopfer wird?

Balthasar: Das kann ich eigentlich nicht sagen. Es sind ja oft Kleinigkeiten, die zur Gewalt führen. Es kann sich um Geld gestritten werden, es kann sich um die Erziehung der Kinder gestritten werden. Ich kann nicht sagen, dass es da einen typischen Grund als Auslöser gibt. Wenn man nachfragt, sind es oft vielschichtige Streitereien.

Sticksel: : Es ist schon so, dass es Faktoren gibt, die das begünstigen. Die Gefahr selbst zum Opfer oder zum Täter zu werden, ist um 200 Prozent höher, wenn man als Kind selbst solche Gewalt erlebt hat. Von daher haben wir in den Frauenhäusern jetzt schon die zweite Generation drin. Also Frauen, die schon als Kind Opfer von Gewalt in der Familie waren und sich jetzt auch wieder Partner suchen, die gewalttätig sind.

In der Klischeevorstellung ist Gewalt ja hauptsächlich ein Problem der Unterschicht...

Sticksel: Ja, das ist das Klischee. Genauso wie die Vorstellung, dass Migranten mehr zu häuslicher Gewalt neigen als Deutsche. Das sind Vorurteile, die sich in der Praxis nicht bestätigen. Wenn jemand behauptet, dass sei ein Problem der Unterschicht, dann kann ich nur erwidern, dass es wohl eher so ist, dass Frauen aus der Oberschicht sich kaum je in ein Frauenhaus flüchten. Die sogenannte Ober- und Mittelschicht hat andere Möglichkeiten, mit solchen Situationen umzugehen. In der Beratungsstelle sieht es dann schon wieder anders aus. Da haben wir die ganze Bandbreite an Frauen.

Sie haben das Thema Migrantinnen schon angesprochen. In den letzten Jahren wurde immer wieder über Ehrenmorde diskutiert. Sind Sie in der Praxis mit dieser Thematik überhaupt konfrontiert oder ist das eher ein Randphänomen?

Sticksel: Wir sind damit natürlich konfrontiert. Wenn ich heute die Zeitung aufschlage und sehe, dass eine Frau ermordet wurde, lese ich nach, worum es dabei ging. Meist ist von Familientragödien die Rede. Häufig sind aber auch das Ehrenmorde. Die Frau wollte ihren Mann verlassen und er hat sie dann umgebracht.

Balthasar: Das Problem ist, dass Ehrenmorde ausschließlich Muslimen zugeordnet werden. Aber Ehrenmorde gibt es auch bei Deutschen. Das wird dann nur nicht so genannt. Wir haben deutsche Frauen hier, die panische Angst davor haben, dass ihr Mann sie umbringt. Meist hat er das schon angedroht oder sogar angekündigt, die gesamte Familie auszulöschen. Da sind dann keine Ehrenmorde, obwohl es auch an der Ehre deutscher Männer rührt, wenn ihre Frau sie verlässt. Ganz davon zu schweigen, dass selbst wenn es nicht deutsche Frauen sind, die betroffen sind, es sich trotzdem nicht automatisch um Muslime handelt. Es gibt Christinnen aus dem Irak oder Ägypten, wo das ganz ähnlich abläuft.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten Sie in Ihrer Beratungsstelle einen Vortrag mit dem Titel „Gewalt gegen Migrantinnen und deren Instrumentalisierung“ organisiert. Wer instrumentalisiert Ihrer Meinung nach diese Debatte?

Balthasar: Die Politik. Genau da wird ja immer nur von Musliminnen gesprochen. Halten wir fest: Migrantinnen sind nicht nur Musliminnen und nicht nur Musliminnen werden Opfer häuslicher Gewalt. Da wird ein Klischee produziert. Und das wird zum Teil dazu genutzt, Frauen nicht mehr nach Deutschland einreisen zu lassen. Zum Beispiel müssen türkische Frauen, bevor sie einreisen dürfen, ja erst einmal einen Deutschkurs absolvieren. Der Nachzug wurde erschwert.

Sticksel: Von Französinnen verlangt das natürlich niemand.

Gibt es eigentlich in Ihrer Arbeit irgendwelche Problemlagen, die typisch sind für die Stadt Offenbach oder die hier gehäuft vorkommen?

Sticksel: Unser Hauptproblem ist im Moment, dass so gut wie keine Wohnungen zu finden sind. Gerade letztes Jahr konnten wir viel weniger Frauen aufnehmen, weil die, die bereits im Haus sind, viel länger da bleiben. Das ist in all den Jahren noch nie so stark gewesen. Noch vor zehn Jahren war der Wohnungsmarkt deutlich entspannter. Damals konnten wir viel mehr Frauen vorübergehend Schutz gewähren. Heute blockieren faktisch Frauen, die nicht mehr direkt von Gewalt betroffen sind, die Plätze für andere Frauen.

Balthasar: Hessenweit sieht es übrigens nicht besser aus. Gerade Frauen mit Kindern haben ganz große Probleme, überhaupt noch einen Platz in einem Frauenhaus zu finden.

Interview: Danijel Majic

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