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Die Kämpfer aus  Offenbach

Ingrid und Hartmut Wagner engagieren sich seit    fast 30 Jahren gegen Fluglärm

Ingrid und Hartmut Wagner sind im Einsatz gegen Lärm. Foto: Oeser

Jetzt ist für Hartmut Wagner intensive Lektüre angesagt. Von der Urteilsbegründung des Bundesgerichtshofs hängt für den Offenbacher Rechtsanwalt ab, ob wieder Gerichte angerufen werden. „182 Seiten Text brauchen Zeit“, sagt Wagner.

Mit Klagen gegen den Flughafen hat Hartmut Wagner Erfahrung. 2000 gründete er den Klageverein „Institut zur Abwehr von Gesundheitsgefahren durch Lärm“ (IAGL), weil er den Eindruck hatte, dass Verhandlungen zwischen Politikern allein nichts nützen. Verschiedene Klagen wurden angestrengt. Im September 2011 dann der große Erfolg: Der Verein unterstützte zwei Offenbacher Bürger, die mit einem Eilantrag am Kasseler Verwaltungsgerichtshof das vorläufige Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr erwirkten. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte das Nachtflugverbot zwar. Aber der Verein möchte mehr.

Ob vom Klageverein betreute Privatleute nun vor das Verfassungsgericht oder den Europäischen Gerichtshof ziehen, wird in den nächsten Tagen entschieden.

Hartmut Wagner und seine Frau Ingrid setzen sich seit den 80er Jahren gegen Fluglärm und Airport-Ausbau ein. Als das Nachtflugverbot vor einem Jahr kam, war das für sie auch ein persönlicher Erfolg. Denn der Kampf ist auch Teil ihrer Lebens. „Das Wohnzimmer bleibt unberührt von der Organisationsarbeit“, erzählt Ingrid Wagner. Dafür stapelten sich im Büro die Aktenberge, so dass man kaum laufen könne. „Mein Leben“, sagt die 54-Jährige, „spielt sich vorwiegend im Büro ab.“

Die quirlige und kommunikative Sozialpädagogin leitet die Offenbacher Bürgerinitiative Luftverkehr (BIL), die sie 1990 mitbegründete. Sie ist im Bündnis der Bürgerinitiativen rund um den Flughafen aktiv und immer dort anzutreffen, wo gegen den Airport-Ausbau und Fluglärm demonstriert wird. Zudem organisiert sie Montagsdemonstrationen, Menschenketten oder verfasst Stellungnahmen. Ihr Mann, 67 Jahre, wirkt dagegen sachlich und zurückhaltend.

Angefangen hat das Engagement der Wagners, als die kleine Tochter 1983 nachts schrie, wenn ein Flieger übers Haus donnerte. Damals wohnte die Familie in Tempelsee. Darauf zog die Familie nach Rumpenheim, wo es damals noch leise war. Beide traten zunächst in die von Richard Müller geleitete Offenbacher Vereinigung gegen Fluglärm (OVF) ein, fanden sich aber in der eher vereinsformell geführten Gruppe nicht wieder.

Bereits 1983 trommelte Ingrid Wagner 20 bis 25 Leute zusammen, die sich eher spontan, laut und bunt gegen den Fluglärm wehren wollten. Mit Gründung der BIL 1990, also lange vor den Plänen zum Bau der Nordwestbahn, konnten Forderungen besser formuliert werden. Neben dem Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr verlangten sie von der Landesregierung Gesundheitsgutachten, Schadstoff- und Lärmmessungen. „Hammer, dass wir damals schon so weit waren“, wundert sich Ingrid Wagner bei der Durchsicht alter Akten. Jahrzehntelang wurde die BI vertröstet. Beliebt machten sie sich mit den Forderungen auch nicht. „Wir hatten die Rolle der radikalen und strengen Ausbaugegner“, erinnert sich Hartmut Wagner.

Die Initiative vertrat weitergehende Positionen als die OVF oder die Stadt Offenbach. Die OVF nahm als einziger Ausbau-Gegner an der Mediation teil – die BI’s weigerten sich strikt. Der frühere OB Grandke plädierte nach den ersten Ausbauwünschen Ende der 90er noch dafür, die US-Airbase Erbenheim als Landebahn auszubauen und den Lärm zu demokratisieren. Damit wäre Offenbach verschont geblieben – ein Standpunkt, gegen den die BI’s noch heute zu Felde ziehen. Sie möchten die gesamte Region entlasten. „Es war ein Fehler, Ja zum Ausbau zu sagen, aber nicht über unseren Köpfen“, sagt Hartmut Wagner. Später kämpfte die Stadt selbst gegen den Ausbau. Sie ist eine der Anrainerkommunen, die mit ihrer Klage gegen die Betriebsgenehmigung bis vor das Bundesverwaltungsgericht zog, das das Nachtflugverbot bestätigte.

An die Versprechungen der Politik oder Fraport glauben die beiden längst nicht mehr. Vor über 20 Jahren versuchte die Landesregierung, die Ausbaugegner mit einer in Aussicht gestellten Deckelung der Flugbewegungen, leiseren Flugtechniken und Einflugrouten über der Autobahn zu besänftigen, erzählen sie. Von einem Satellitensystem sei die Rede gewesen, das die Landungen über Offenbach irgendwie erträglicher machen sollte.

„Das alles ist heute noch nicht da“, sagt der Notar. Deshalb müsse das Recht vor Gericht erstritten werden. Deshalb wird Hartmut Wagner den Argumenten in der Urteilsbegründung besondere Aufmerksamkeit schenken.

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