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Der Kuchenbäcker Backen gegen Homophobie

Tobias Müller bloggt auf kuchenbaecker.com seit einem Jahr Rezepte für Selbstgebackenes mit persönlichen Anekdoten. Jetzt hat er die Initiative „Der Kuchenbäcker knutscht – Lieb doch wen Du willst!“ gestartet.

18.03.2014 09:38
János Erkens
Ein ´Cremehäubchen obendrauf: Tobias Müller in seiner Küche. Foto: Sascha Rheker

Der Kuchenbäcker wird ein Jahr alt. Und weil er zum Geburtstag auch schick angezogen sein soll, bastelt Tobias Müller gerade an einem neuen Layout für sein Weblog. Auf dem Laptop-Bildschirm ist schon das neue Erscheinungsbild von Müllers Internetauftritt „Kuchenbäcker“ zu sehen, in dem er Selbstgebackenes präsentiert, die jeweiligen Rezepte veröffentlicht und persönliche Geschichten dazu erzählt. Neben dem Computer liegen auf dem Schreibtisch noch je ein Gitter mit Walnuss- und Marshmallow-Muffins, die gerade abkühlen – und jeweils ein Buch über Food-Fotografie und Blog-Programmierung.

„Das neue Layout ist zwar schon fertig, aber es gibt da irgendein Problem mit dem Server, das ich noch nicht habe lösen können“, erklärt Müller, dessen Backofen und Computer in seiner Wohnung in der Goethestraße stehen. Denn zum Bloggen sei er gekommen wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde: auf Anregung seiner Freundinnen und Freunde, die immer wieder nach den Rezepten des passionierten Hobby-Konditors gefragt hatten.

Das war im vergangenen März, als der damals 33-Jährige weder eine Küchen- noch eine Spülmaschine besaß und nur mit einer einfachen Kompaktkamera fotografierte: „Mit Programmieren kannte ich mich erst recht nicht aus.“ Dennoch wurde das Blog sofort ein Erfolg: Bis heute registriert die Seite mehr als 160.000 Zugriffe, der Auftritt auf Facebook konstatiert mehr als 2300 „Gefällt-mir“-Angaben.

„Ich verblogge nur, was ich selbst gern mag, also zum Beispiel niemals Rosinen“, begründet Tobias Müller augenzwinkernd. „Und ich bearbeite die Fotos nicht nachträglich, weil es beim Nachbacken zu Hause ja auch so aussehen soll wie im Internet.“

Außerdem erzählt das aus dem Ruhrpott stammende, selbstbezeichnete „Kohlekind“ zu vielen Rezepten Anekdoten und Kindheitserinnerungen. Denn Backen ist für ihn immer etwas Persönliches – etwas, das mit Freundschaft und Geselligkeit zu tun hat. „Backen ist für mich geradezu meditativ: Man muss sich Zeit nehmen, geduldig sein und akkurat arbeiten.“ Zwar hält sich der Kuchenbäcker genauestens an Rezepte, dennoch sei das Ergebnis ein wenig unberechenbar: „Dann guckt man nach der ganzen Arbeit durchs Ofenfenster und bangt, ob der Teig denn wirklich aufgeht“, sagt Müller. „Das ist auch spannend.“ Der Joghurt-Himbeer-Kuchen von diesem Morgen zum Beispiel hat den Sturz aus der Form nicht unbeschadet überlebt und steht nun lädiert auf dem Balkon.

Obwohl ihm Küchengeräte-Hersteller hie und da Produkte wie Donut-Ausstecher und Teig-Portionierer zur Rezension schicken, will der Kuchenbäcker auf seinem Blog nicht deren permanente Werbung: „Für mich ist Backen und Bloggen ein Hobby, ich möchte das nicht professionell betreiben.“ Allerdings widmet Müller, der als leitender Angestellter am Frankfurter Flughafen arbeitet, diesem Hobby mittlerweile einen Großteil seiner freien Zeit: Während die Gitarre ein verstaubtes Dasein fristet und das Klavier abgedeckt bleibt, steht Müller in der Küche und probiert neue Rezepte aus, fährt auf Messen, um andere Blogger zu treffen oder versucht eben, Computer-Probleme zu lösen. „Außerdem lese ich unheimlich viele Back-Zeitschriften und besitze mittlerweile ungefähr 8,4-Milliarden Bücher darüber“, scherzt er und zeigt auf das wandbreite Bücher-Regal, das er extra für seine Back-Literatur angeschafft hat.

Aus dieser engen Verzahnung von Leben und Bloggen ist auch sein neuestes Blog-Event entstanden, – eine Aktion gegen Homophobie mit dem Titel: „Der Kuchenbäcker knutscht – Lieb doch wen Du willst!“. Dabei reichen befreundete Back-Blogger Rezepte ein und schicken dazu optional ein Bild, auf dem sie eine gleichgeschlechtliche Person küssen – etwa die als „Backzauberin“ bloggende Bianka, die das Rezept für eine Liebestorte mit Herz und Eiffelturm beigesteuert hat.

Vorbild ist die Aktion einer Männerzeitschrift, in der prominente Männer einander küssen, um gegen Schwulen-Feindlichkeit zu demonstrieren. „Obwohl ich diese Aktion supertoll fand und sie sofort unterstützen wollte, hatte ich anfangs Bedenken, auf meinem Blog ein politisches Statement zu machen“, erzählt Müller. „Schließlich konnte ich nicht einschätzen, wie die Leserinnen und Leser reagieren. Aber bis auf eine Ausnahme habe ich nur positive Rückmeldungen dazu bekommen.“

Wenn die Aktion Ende März ausläuft, hat der Kuchenbäcker also zweierlei Grund zu feiern: „Den ersten Jahrestag der Blog-Gründung will ich wie einen Kindergeburtstag zelebrieren“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Mit Piratenschiffen aus Papier, vielen Freundinnen und Freunden – und natürlich viel Kuchen.

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