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Der Hessische Landbote Ein Aufruf zur Revolution

Die radikalste Flugschrift des Vormärz wurde in Offenbach gedruckt: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ lautete der Aufruf der 1834 von Georg Büchner verfassten Schrift „Der Hessische Landbote“.

05.10.2012 06:42
Jörg Muthorst
Georg Büchner begehrte gegen den Adel auf. Der Schriftsteller wurde in Goddelau bei Darmstadt geboren. Foto: dpa

In einer Nacht- und Nebelaktion wurde das revolutionäre Schriftstück nach Offenbach gebracht und hier illegal gedruckt. Von Offenbach aus wurden die Blätter dann unter abenteuerlichen Umständen an die Landbevölkerung des Großherzogtums Hessen-Darmstadt verteilt: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ lautete der Aufruf der 1834 von Georg Büchner verfassten Schrift „Der Hessische Landbote“.

Was die Sozialrevolutionäre des Vormärz, jener Jahre vor der Deutschen Revolution im März 1848, bewogen hat, Offenbach zum Ausgangspunkt ihrer waghalsigen Aktion zu machen und welches geistige Umfeld sie vorfanden, das will das Haus der Stadtgeschichte in einer Ausstellung über „Offenbach im Vormärz“ beleuchten. Sie ist für September 2013 – dem Jahr, in dem Büchners 200. Geburtstag gewürdigt wird – geplant.

In der Nacht des 5. Juli 1834 machen sich zwei Männer von Gießen aus auf den Weg, teils zu Fuß, teils per Kutsche. Der Hitze wegen, aber wohl auch, um unerkannt zu bleiben, wählen sie die Dunkelheit und nehmen Umwege in Kauf.

Es ist ein gefährliches Unternehmen. Die Männer gehören einem konspirativen Netzwerk bürgerlicher Oppositioneller der liberal-nationalen Bewegung an. Und sie führen das Manuskript einer Flugschrift mit sich: einen Aufruf zur Revolution.

In Offenbach, in der Werkstatt von Carl Preller, wollen sie ihn in Druck geben. Der 21-jährige Medizinstudent und spätere Schriftsteller Georg Büchner und sein Mainzer Mitstreiter, der 20-jährige Jurastudent Jacob Friedrich Schütz, der später Rheinhessen in der Frankfurter Nationalversammlung vertreten wird, tarnen sich als Pflanzenforscher. Das Schriftstück verbergen sie in einer Botanisiertrommel.

Mit dem achtseitigen, im März von Büchner verfassten und dann von dem Butzbacher Pfarrer und Pädagogen Friedrich Ludwig Weidig überarbeiteten „Hessischen Landboten“ soll die verarmte Landbevölkerung zum Widerstand gegen den nach Napoleons Niederlage wieder erstarkten Adel und die Restauration aufgerufen werden. Gegen Mittag erreichen sie die Buchhandlung und Druckerei Prellers in der Frankfurter Straße 17 – dort, wo sich heute ein großer Elektromarkt befindet. Anschließend bleiben sie noch bis 9. Juli unterwegs, um sich ein Alibi zu verschaffen. Noch im Juli druckt Preller vermutlich etwa 1200 bis 1500 Exemplare. Generalstabsmäßig wird das Papier anschließend von Offenbach aus in Gießen, Butzbach, Friedberg und Darmstadt verteilt.

Für die Zensurbehörde gehört der Landbote zu den „bösartigsten und gefährlichsten“ Flugschriften, nicht nur im Großherzogtum, und ist „Ausfluss der verwerflichsten Gesinnung“ und „Produkt des frechsten, zügellosesten Republikanismus“.

Es ist nicht das erste Mal, dass Preller heimlich oppositionelle Schriften druckt. Sein erst 1832 von Carl Ludwig Brede übernommenes Unternehmen ist ein Zentrum oppositioneller Literatur. Ludwig Börnes „Briefe aus Paris“ nennen Offenbach als fiktiven Druckort. Auch die sozialkritischen Schriften der Bettina von Arnim, die ihre Jugend in Offenbach verbrachte, erscheinen hier.

Und es scheint wohl auch kein Zufall, dass es Offenbach ist, wo der „Landbote“ erscheint. Das vermuten zumindest Museumsleiter Jürgen Eichenauer und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Dorothea Held, die die Ausstellung kuratiert.

In der vorrevolutionären Zeit seit 1830 weht bereits ein bürgerlich-liberaler Geist in der Stadt, werden zunehmend Rechte eingefordert. Anders als Frankfurt mit seinem Stadtpatriziat, das als Hort der Reaktion gilt und sich eher als Banken- und Handelszentrum zu etablieren sucht, entwickelt sich Offenbach auch dank hugenottischer Einwanderer zur Industriestadt: Mit einem aufstrebenden, eher demokratisch gesonnenen und sozial engagierten Bürgertum mit Armenpflege und Wohltätigkeitskasse der Freimaurerloge, die viele Fabrikanten unterstützen.

Es ist eine Zeit, in der auch die historische Rivalität der beiden Nachbarstädte erwächst, sichtbar auch am Kuriosum, dass Frankfurts Messe zeitweilig nach Offenbach zum heutigen Ledermuseum wechselt.

Offenbachs Einwohnerzahl legt bis 1833, der Zeit des scheiternden Frankfurter Wachensturms, um ein Viertel auf knapp unter 10000 zu. Immer mehr Fabriken entstehen, mit ihnen wächst die Zahl der Arbeiter,.

Der national-freiheitlich gesinnte Maler Georg Wilhelm Bode hebt bereits 1824 den Turnverein aus der Taufe, zwei Jahre später folgt ein Sängerverein. Maler Ludwig Riesbeck porträtiert 1837 seinen dreijährigen Sohn mit Gewehr in der Hand, um für das Bürgerrecht auf Volksbewaffnung zu werben. Das Bild wird ebenso in der Ausstellung zu sehen sein wie der Schellenbaum der 900 Mitglieder starken Bürgerwehr, die erst 1852 wieder aufgelöst wird.

In den Revolutionsjahren 1848/49 setzen Bürger die Personenbeförderung mit der Lokalbahn nach Frankfurt durch, es wird ein Arbeiterbildungsverein gegründet, Sozialrevolutionär Robert Blum spricht zum Volksfest, der Offenbacher Philipp Wagner hält in Frankfurt aufrührerische Reden.

In diesem geistigen Klima also wird der „Hessische Landbote“ gedruckt. Doch die Aktion wird von einem Spitzel verraten, einer von Büchners Mitstreitern verhaftet. Der Dichter selbst wird 1835 nach Offenbach zur Untersuchungskommission vorgeladen. Einer weiteren Vorladung folgt er nicht. Als „gefährlicher Unruhestifter“ wird Büchner steckbrieflich gesucht, kann jedoch nach Frankreich und in die Schweiz fliehen. In nur zwei Jahren verfasst er Werke wie Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena oder Woyzeck. 1837 stirbt er 23-jährig in Zürich an Typhus.

Der inzwischen zwangsversetzte Pfarrer Weidig bezahlt den Revolutionsaufruf mit seinem Leben. Er wird 1835 inhaftiert, gefoltert und stirbt 1837 unter nie geklärten Umständen.

Drucker Carl Preller kann trotz Hausdurchsuchung nicht überführt werden. Der teils noch bei ihm lagernde „Landbote“ wird weiter verteilt. Preller gerät in Konkurs. Als schließlich auch nach ihm gefahndet wird, flieht er wie Büchner über Straßburg in die Schweiz, schlägt sich als Weinhändler und Gastwirt durch, wechselt später nach Mainz, macht Lebensmittelkonserven und handelt mit Landwirtschaftsprodukten. Er wird 75 Jahre alt.

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