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Computer in der Pflege Professorin fordert mehr Mut

FH-Professorin Barbara Klein: „Technik ist eine Möglichkeit, die Selbstständigkeit zu erhalten und auch zur Lebensqualität beizutragen.“.

Haus Ulmenhof
Der handliche Tablet-Computer kommt auch am Bett zum Einsatz. Foto: Michael Schick

Barbara Klein holte 2008 für Lehre und Forschung die therapeutische Robbe Paro von Japan nach Deutschland. Der Roboter ist mit Sensoren ausgestattet, die auf Berührung reagieren. Bei Streicheln fiept er, bei unsanfter Behandlung macht er „verletzte“ Geräusche. Paro kann den Kopf bewegen, die Augen öffnen und schließen, die Flossen bewegen. Er macht einen lebendigen Eindruck, gleichzeitig weiß man, dass er nicht lebendig ist, sagt die Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences. 
 
Frau Klein, was ist das Gute an der Robbe?

Sie ist ein Instrument, um mit Menschen in Kommunikation zu kommen, die beispielsweise kognitive Erkrankungen oder Einschränkungen haben; etwa bei Demenzerkrankungen, Schwerstbehinderungen. 

Haben Sie Beispiele?
In einer Fallstudie hatten wir eine schwerstbehinderte Frau, die nicht sprechen, sondern nur schreien konnte – sehr laut und sehr grell. Als die Robbe auf ihrem Bauch lag, man ihr die Hand zum Streicheln geführt hat, wurde sie ruhiger und hat mit dem Schreien aufgehört. Beim Einsatz mit schwerstbehinderten Kindern haben diese zum Beispiel weniger mit den Zähnen geknirscht und der Speichelfluss reduzierte sich.

Bei welchem Personenkreis haben Sie Paro noch eingesetzt?
Bei Personen im Wachkoma in Zusammenarbeit mit dem August-Stunz-Zentrum der AWO Frankfurt. Dort wurde der Einsatz von Paro ein halbes Jahr untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass die meisten Personen entspannter wirkten, sich vielleicht sogar ein Lächeln abgezeichnet hat. Eine Frau, die in einen wacheren Zustand kam, konnte die Robbe selber streicheln und hat sie mit Koseworten angesprochen. Meist wurden sehr positive Effekte beobachtet.

Streicheln, Handhalten – das ist doch auch von Mensch zu Mensch möglich. Macht die Robbe das besser als der Mensch oder ist sie dessen Ersatz?
Die Frage muss anders gestellt werden: Wo ist der Einsatz der Technik sinnvoll und wo kann sie zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen? Eine Pflegekraft in einer Einrichtung streichelt zwar auch den Menschen manchmal die Hand; das ist aber nicht ihre eigentliche Aufgabe. Das Bedürfnis nach Nähe und Kuscheln, dem der Robbenroboter nachkommen kann, kann mit der Rolle eines Hundes verglichen werden, der auch häufig in Pflegeeinrichtungen positiv aufgenommen wird und den man Streicheln kann. Ein Tier eignet sich jedoch nicht immer, ein Robbenroboter ist nicht so empfindlich und schnappt auch nicht zu. 

In Japan werden die Robben auch als künstliche Haustiere genutzt. Als Ersatz für zwischenmenschliche Kontakte. Ist das nicht gruselig?
Manche Leute haben Hunde, die sie gegen ihre Einsamkeit nehmen. Manche reden auch mit ihrem Auto. Das bezeichnet auch keiner als gruselig.

Trotzdem gibt es Vorurteile, die Furcht, dass Pflege automatisiert wird. Wie wollen Sie Akzeptanz für den Einsatz neuer Techniken erhöhen?
Diese Robbe kann keinen Menschen ersetzen. Das ist ein Hilfsmittel, wie Stofftiere oder Puppen. Ein Medium, um Menschen, die schwerstbehindert oder schwerstkrank sind, für eine kurze Zeit aus einer Stimmungslage herauszubringen. So wie Sie in die Küche gehen und einen Kaffee trinken und vielleicht dabei lächeln. 

Das klingt erstmal gut. Aber wenn diese Geräte erst einmal Einzug gehalten haben, könnten Roboter im Gesundheitswesen Tätigkeiten übernehmen, die derzeit Menschen ausüben. 
Im Moment haben wir eine Fachkräfteknappheit in der Pflege. Menschen in Pflegeeinrichtungen werden zum Beispiel häufig nur einmal pro Woche geduscht. Was hätten Sie als Bewohnerin einer Einrichtung lieber? Dass sie wie gewohnt täglich duschen oder nur einmal in der Woche oder weniger? In unseren Interviews im Rahmen des europäischen Projektes I-Support Bath Robots zeigte sich, dass es sehr wohl Interesse gibt, technische Unterstützung zu nutzen. Die meisten Menschen wollen sich selber versorgen, solange es geht. Wenn Technik eine Hilfe sein kann, wird diese gerne in Anspruch genommen. Zurzeit haben wir einen Pflegekräftemangel und alle Prognosen gehen dahin, dass dieser sich verschlimmern wird. Wir müssen auch nach technischen Lösungen dafür suchen. 

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