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Computer in der Pflege Neue Techniken verändern die Arbeit

Der Roboter im Seniorenzentrum Ulmenhof ist noch im Test, während andere digitale Helfer schon im Einsatz sind.

Haus Ulmenhof
Zora am ersten Arbeitstag. Die Begeisterung der Bewohner ist mäßig. Foto: Michael Schick

Kniehoch, Füße und Augen blinken: Zora heißt der Roboter, der heute seinen ersten Arbeitstag im Seniorenzentrum Haus Ulmenhof in Dreieich-Sprendlingen absolviert. Die weiß-blaue Plastikmaschine gibt sich große Mühe. Schmettert „La Makarena“, schwingt dazu die Hüfte, geht in die Knie. Doch die Gesichter der meisten Bewohner bleiben unbewegt. Das kleine zappelige Plastikding im Foyer kann sie nicht mitreißen. Statt positive Emotionen weckt die skurrile Aufführung beim einen oder anderen ganz andere Gefühle; nämlich Ängste.

„Ist das ein Tanzroboter oder ein Pflegeroboter“ fragt eine Frau im Rollstuhl in der kurzen Pause, bevor Zora ihren Auftritt mit einem Flamenco fortsetzt. Einrichtungsleiter Reinhold Wischnewski bemüht sich, Befürchtungen ausräumen. Es sei nicht beabsichtigt, das menschliche Personal im Ulmenhof durch Maschinen zu ersetzen: „Das ist eine Betreuungsroboter“, stellt er klar. „Wenn wir mit Ihnen etwas unternehmen, kann er uns unterstützen.“ So wie der Tabletcomputer, der schon vor einigen Monaten in der Einrichtung Einzug hielt, sagt er. „Der, mit dem wir immer den Quiz machen.“ Es gebe keinen Grund, sich Sorgen zu machen: „So eine Roboter wird Sie niemals pflegen.“ 

„Digitalisierung in der Pflege ist eine Chance.“ Unter diesem Motto hat sich die Korian-Gruppe auf den Weg gemacht, neue Technik in ihren bundesweit 234 Pflegeeinrichtungen einzusetzen. Auch andere Unternehmen und Träger öffnen sich dem Thema. Manche Zeitgenossen begegnen dem Trend eher mit Skepsis. Nicht zu unrecht. Wer mag schon am Ende seiner Tage von einem seelenlosen Etwas versorgt werden?

Umgekehrt kann Digitalisierung den Alltag in der Pflege aber auch erleichtern und bereichern. Hessens FDP-Spitzenkandidat René Rock ist in die Einrichtung im Kreis Offenbach gekommen, um sich davon ein Bild zu machen. Das Tablet, zum Beispiel, kommt bei den meisten der Ulmenhof-Bewohnern gut an, sagt Pia-Maria Przywoiska, Alltagsbegleiterin im Ulmenhof. Nach ein paar Berührungen des Bildschirms erscheint die „Dialektübung“, und wenige Sekunden später sind die Männer und Frauen im Foyer hellwach: „Was bedeutet Uuz?“ fragt sie in die Runde und gibt zwei mögliche Antworten? Spaß ist damit gemeint und Breedsche? „Das ist ein Weck“, ruft es von hinten. Dreggschlabbe, Seckel, Rattze. Im Raum sind viele Hessen, die Übersetzungen kein Problem. Schwieriger wird es, als Einrichtungsleiter Wischnewski auf die Dialektübung Schwäbisch wechselt. Die meisten verstehen jetzt nur noch Bahnhof. 

Tablet hilft bei Demenz

Das Tablet kommt nicht nur bei Gruppenangeboten zum Einsatz. Wegen seiner Handlichkeit eignet es sich auch gut für die Beschäftigung bettlägriger Bewohner. Es ist eine Erweiterung des Demenz-Tablets, das Korian gemeinsam mit einem Start-up entwickelt hat. Zur Auswahl stehen Kurzfilme, Bücher, Lieder, Sprichwörter oder Spiele, wie Obst erkennen oder das mit den Dialekten. 

Zora soll zukünftig auch in den Alltag integriert werden. Doch bis dahin ist augenscheinlich noch ein weiter Weg. Der Prototyp verliert immer wieder mal das Gleichgewicht. Und sein Repertoire müssen die Entwickler auch noch besser an die Zielgruppe anpassen. Die Signale sind eindeutig: „Das sind alles neumodische Lieder, die kennt ja keiner“, merkt eine Seniorin kritisch an und ihre Nachbarin ergänzt: „Alte Bewohner können kein Englisch.“ 

Während sich der Einsatz des Roboters noch im Versuchsstadium befindet, hat die Digitalisierung bei der Pflegedokumentation im Ulmenhof schon vor einiger Zeit Einzug gehalten. Auf jeder Station hängt ein Berühungs-Computer an einer Wand. An dem Touchscreen loggt sich das Personal täglich mehrfach ein. Und hält alles fest, was die Kollegen oder Pflegekasse wissen müssen oder wollen: Frau H. steht seit gestern wieder auf und geht mit dem Rollator. Bei Herrn M. wurde das zuletzt um 13 Uhr das Inkontinenzmaterial gewechselt. Frau F. hat am Kaffeetrinken teilgenommen. Das heißt, sie hatte Unterhaltung und nahm Flüssigkeit zu sich.

Auf den Computer im Büro haben einzig die Pflegefachkräfte Zugriff, betont die stellvertretende Pflegedienstleiterin Elena Schuch. Hier sind alle Informationen gesammelt, hier erfolgt die Übergabe an den Spätdienst. Hier steht, wie viel Flüssigkeit Herr T. täglich zu sich nehmen muss.„Sonst bekommt er eine Infusion.“ Hier erfolgt die individuelle Pflegeplanung. Gegenüber den früheren Papierakten eine echte Erleichterung, sagt Schuch. Doch die gibt es auch, wie ein Blick rechts neben den Bildschirm zeigt, wo die Hängeordner abgehakt werden.

Die Hängeordner dienen vor allem als Rückversicherung für den Fall, dass die IT ausfällt. Aber auch aus einem anderen Grund sind die papierlosen Zeiten längst nicht Vergangenheit. Anders als der Ulmenhof ist so manche Arztpraxis oder Klinik noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Ob Überleitungsbogen ans Krankenhaus, der Medikationsplan des Arztes: „Vieles geht noch per Fax“, sagt Schuch. Da sei wohl mancher noch sehr altmodisch. 

 

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