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Autor Ewart Reder "So schlimm ist es hier gar nicht"

Ewart Reder verarbeitet in seinem Debütroman "Die Liebeslektion" Erfahrungen aus zehn Jahren Offenbach. Mitgenommen hat er neben vielen positiven auch bittere Erinnerungen.

27.09.2012 21:42
Von Christian Schneebeck
Ewart Reder schaut nicht nur nachdenklich, er schreibt auch gerne nachdenkliche Texte. Foto: Monika Müller

Vorurteile, überall Vorurteile. Und jede Menge Misstrauen. Trotzdem weint Ewart Reder Offenbach so manche Träne nach. Dabei könnten Leser seines Debütromans den Eindruck gewinnen, hier wohnten vor allem fremdenfeindliche Denunzianten. Ein marokkanischer Schüler wird in „Die Liebeslektion“ des Drogenhandels bezichtigt – von Wachleuten, die ihn, angeblich wegen eines Diebstahls, im Offenbacher Ringcenter aufgreifen. Der Drogen-Vorwurf macht stadtweit die Runde und katapultiert den Jungen privat ins Abseits.

1994 kam der gebürtige Berliner Reder nach Rumpenheim, seit 2004 wohnt er in Maintal. Mitgenommen hat er neben vielen positiven auch bittere Erinnerungen. Etwa die, wie eine Bekannte denunziert wurde, weil sie etwas gestohlen haben sollte. Das entpuppte sich bald als Lüge. „Aber die Frau zu rehabilitieren war fast unmöglich“, erzählt der 55-Jährige zornig. Es war auch dieser Zorn, der ihn früh zum Schreiben brachte, zu seinem Medium, Missstände anzuprangern. Längst ist die Literatur Reders täglich Brot – er arbeitet als Deutschlehrer.

Nicht zufällig spielen große Teile des Erstlings an einer Frankfurter Schule. „Wenn du schon einen Roman schreibst, wähle ein Terrain, das du genau kennst“, sagt Reder. Die tausendunderste Teenager-Schmonzette hat er deshalb nicht entworfen. Im Gegenteil. Max hält seine Lehrerin gefangen, um ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen. Die Frau soll preisgeben, was sie über Max denkt; tatsächlich schreibt sie ihre eigene Geschichte, die überraschend nah an der von Max liegt. Um diese Situation entspinnt der Autor einen Plot, der Krimi ist, Liebesgeschichte, und zugleich pädagogisches Lehrstück.

Notorischer Spätzünder

„Die Gewalt habe ich frei erfunden“, betont Reder. Was auch heißen soll: Der Rest beruht auf Erfahrungen. Er persifliert Kollegen und Schüler – und hält ein Plädoyer für Toleranz. Es braucht nicht viel um zu erkennen, welch hohe Ansprüche Ewart Reder an sein Schaffen hat. Von Döblin bis Rushdie reichen seine Vorbilder. Will man es bei ihm zum Lieblingsautor bringen, muss man besonders ein Kriterium erfüllen: „Die Großen verbinden Ästhetik mit Sozialkritik.“

Anspruch hin oder her, leben kann Reder von der literarischen Arbeit noch nicht. Sechs Bücher hat er seit 1999 veröffentlicht, vor allem Lyrikbände. Dass er erst als 42-Jähriger in den Literaturbetrieb einstieg, ist gleich doppelt bezeichnend. Zum einen, weil die großen Vorbilder ihn einschüchterten, sodass Reder fertige Werke nicht aus der Schublade holte.

Außerdem ist er notorischer Spätzünder. Bevor er mit 34 Jahren Lehrer wurde, hatte Reder schon als Pflegehelfer gearbeitet, akademische Weihen angestrebt und zu den Gründern einer Privatschule gehört. Über Göttingen und München führte ihn das Referendariat ins Rhein-Main-Gebiet, nach Aschaffenburg.

Damals musste Reder noch den Atlas zücken, heute nennt er Rhein-Main „eine Wunschheimat“. Umso mehr stören ihn Einheimische, die sich für ihre Stadt entschuldigen. Ewart Reder schmunzelt. „Berliner finden viele schöne Stellen, so schlimm ist es hier also gar nicht.“ Wieder räumt er mit einem Vorurteil auf.

Ewart Reder liest aus „Die Liebeslektion“ am Sonntag, 30. September, um 15 Uhr im Haus der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61. Der Eintritt ist frei.

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