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Ausstellung in der Heyne-Kunstfabrik Die Gewalt ist ganz nah

Neun Offenbacher Künstler erkunden mit einer Ausstellung in der Heyne-Kunstfabrik menschliche Abgründe

12.09.2012 00:50
Christian Schneebeck
Gemälde und Stoffpuppen schmücken die Höhle der „Klagebahn“.

Das Böse ist unsichtbar, aber gegenwärtig. Rechts in dem Zimmer steht ein Holzstuhl, daneben ein kleiner Tisch mit Lampe. Ein Plastikeimer lehnt hinten an der Wand, von links ragt ein rostiges Bettgestell ins Bild. Kinderschuhe liegen herum. Und Zigarettenkippen. Für eine Frau aus Turin war dieser Raum jahrzehntelang ein Verlies. Von 1987 bis 2009 hielt ihr Vater sie gefangen.

„Die kleinste Zelle“ nennt Petra Maria Mühl ihr Werk, zu dem ein Foto des Kerkers gehört. Zu sehen ist es bei der Ausstellung, die der Bund Offenbacher Künstler (BOK) und Kuratorin Rosita Nenno derzeit in der Heyne-Kunstfabrik zeigen. Das Thema: Gewalt.

Anfang des Jahres stritten Mitglieder des BOK heftig über das Thema. „Die Diskussion hatte selbst etwas Gewalttätiges“, berichtet Katja M. Schneider. Ganz neu war damals die Idee für die Ausstellung, zur Debatte standen drei Themen, jeweils mit passendem Motto. Die Mehrheit stimmte für Mahatma Gandhi: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.“

Die Opfer porträtiert Katja M. Schneider. Ein Schlag steht am Anfang ihrer Bilderserie „Und das verändert alles“. Ein Schlag, der nicht zu sehen ist. Nur der Bluterguss unter dem Auge der abgebildeten Frau zeugt von der Tat. Schneider dokumentiert diese 15 Tage danach, anhand des „Veilchens“ und mit Hilfe der Blicke. Sie wirken erst ratlos, dann traurig, letztlich trotzig. Seht her, ich habe meine Würde zurück!

Nebenan verewigt Karin Nedela Frauen, die ihr gesellschaftliches Engagement mit dem Leben bezahlt haben. Dargestellt werden sie von realen Personen, um ihnen ein Gesicht zu geben. Das Opfer in Anja Hantelmanns Triptychon „Es bleibt unter Freunden“ ist hingegen gesichtslos, eine Vergewaltigung nur zu erahnen. Hantelmann beobachtet, dass die Bilder viele Menschen berühren. „Vor allem Frauen wissen meist sofort, worum es geht.“ Einmal werden Besucher der Kunstfabrik gar selbst zum Ziel von Gewalt: wenn sie auf Monika Gollas Fotos in den Lauf einer Pistole blicken.

Die stärkste Resonanz provozierte bislang aber nicht die Pistolenmündung, sondern Heide Khatschaturians „Dann wird gewusst“. Bilder von Krebsgeschwüren hat Khatschaturian gesammelt, außerdem Kittel, die auf Intensivstationen getragen werden. Und verrostete Schlüssel, deren Besitzer längst tot sind. Mancher halte die Tumorbilder für Naturfotos, sagt Karin Nedela. Die Krankenhauskluft hat dagegen eher die Anmut von Hochzeitskleidern. Neulich stand eine Frau davor und kämpfte mit den Tränen.

Kaum weniger emotional reagieren viele Besucher auf die „Klagebahn“ von Michaela Haas. Sie behandelt ein aktuelles Thema: Fluglärm. Entlang einer Schnur reiht Haas Kärtchen mit Zitaten betroffener Anwohner auf, bis hinein ins Zentrum der Installation. Dort hängen Bilder sowie mystische Stoffpuppen – ein Schutzraum gegen alltägliche Gewalt.

Die Idee für Karin Nedelas zweites Werk lieferte ihr Notebook. Ausbeutung und Krieg sieht Nedela als Nebeneffekt solcher High-Tech-Produkte. In drastischen Worten beschreibt ihr Text, wie Arbeiter und Umwelt leiden. Selbst gewählt hat seine Peinigerin Frank Witzel. Der Schriftsteller drehte einen Film, in dem sich eine Frau wortlos durch seine Werke blättert. Dazwischen erscheinen immer wieder Folterinstrumente und skurrile Figuren. Um politische Gewalt geht es der Chilenin Pelusa Petzel. Ihr „Testimonium“ besteht aus weißem Tüll, einem Schirm und allerhand unheimlichen Geräuschen. Ein Folterkeller, sagt Petzel.

Viele Besucher betrachten nach dem Rundgang noch einmal die „kleinste Zelle“. Vor dem Foto verharren sie an einem Holztisch, auf dem ein kleines Haus steht. Über dem Tisch baumelt eine nackte Glühbirne. „Du gehörst mir, ich gebe dich nie mehr her“, dringt aus Boxen eine Männerstimme. Man muss nicht auf die sieben Fotos an der Wand schauen, muss auch nicht wissen, dass in jedem der dort gezeigten Häuser ein Kind gefangen war, um zu spüren: Die Gewalt ist ganz nah.

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