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Aus dem Archiv Der Tag als Tugçe ging

Der Hirntod der 22-jährigen Lehramtsstudentin Tugçe A. bewegt tausende Menschen. In Internetforen und auch im Offenbacher Sana-Klinikum bezeugen sie ihren Respekt und ihre Solidarität mit der Familie der jungen Frau.

Gemeinsames Beten für Tugce A., McDonalds am Kaiserlei, Offenbach, Bild x von 12
Tausende bewegt das Schicksal der jungen Tu?çe aus Offenbach. Foto: Monika Müller

Mitgefühl lässt sich schwer in Zahlen fassen. Doch wer nachvollziehen will, wie sehr die Öffentlichkeit am Schicksal der im Koma liegenden Tugçe A. Anteil nimmt, dem reichte am Mittwoch ein Blick auf die von Freunden und Verwandten eingerichtet Solidaritätsseite bei Facebook. Als dort gegen Mittag bestätigt wurde, dass die Türkin von den Ärzten des Offenbacher Sana-Klinikums für hirntot erklärt wurde, begannen sich die Beleidsbekundungen zu stapeln. Inzwischen sind es Tausende. Die Zahl der Menschen, die die Seite, mit „gefällt mir“ markiert haben, schoss binnen Stunden von 15 000 auf inzwischen mehr als 60 000.

„Tugçe A. zeigte Zivilcourage, zeigen wir ihr unseren Respekt.“ Der Titel der Solidaritätsseite, gibt wieder, was die Menschen an dem Fall der 22-Jährigen bewegt. Das Narrativ, auf das sich die Öffentlichkeit verständigt zu haben scheint, ist das einer mutigen Lehramtsstudentin, die zwei von aggressiven jungen Männern angepöbelten Mädchen zur Hilfe eilt, und dafür mit ihrem Leben bezahlen muss. Eine Erzählung, die bewegt.

Am Mittwochabend legten fremde Menschen vor dem Klinikum und vor jener McDonalds-Filiale, an der sich das Drama abspielte, Blumen nieder und entzündeten Kerzen. Die Erzählung kommt nach derzeitigem Ermittlungsstand der Wahrheit sehr nahe. Demnach ist Tugçe A. am 15. November eingeschritten, als eine Gruppe um den 18-jährigen Senal M. zwei Mädchen auf der Toilette eines McDonalds-Restaurants am Kaiserlei bedrängte. Die Situation hatte sich schon beruhigt, als Senal M. auf dem Parkplatz des Restaurants erneut auf Tugçe A. traf und ihr ins Gesicht schlug. Sie fiel zu Boden und schlug dabei mit dem Kopf auf einem Stein auf, was letztlich die tödliche Hirnblutung hervorrief.

Bereits am vergangenen Wochenende machten bei einer Mahnwache vor der McDonalds-Filiale Gerüchte die Runde, das Tugçe A. hirntot sei. Doch erst am Donnerstagnachmittag bestätigte dies auch das Klinikum. „Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer erfolgten am Dienstag und Mittwoch zwei klinische Untersuchungen, die eine irreversibel erloschene Gehirnfunktion zeigten“, hieß es in der offiziellen Stellungnahme.

Derweil häufen sich im Netz auch die wütenden Kommentare. Jene, in denen zu Selbstjustiz gegen Täter aufgerufen wird, jene die sich fragen, warum Politiker der Familie nicht ihr Beileid aussprechen und schließlich auch jene, die den Angestellten des Restaurants eine Mitschuld geben.

Wut sucht kurze Wege. Senal M., der mehrfach vorbestrafte Hauptverdächtige, sitz in Untersuchungshaft und ist vom Zorn der Öffentlichkeit abgeschirmt. Umso stärker bekommen ihn derzeit die McDonalds-Mitarbeiter zu spüren. Aus dem Umfeld des Unternehmens heißt es, das Personal werde massiv angegangen.

Hintergrund sind Vorwürfe, aus dem Bekanntenkreis von Tugçe A. wonach das Personal nichts gegen die Belästigungen unternommen habe. Weiterhin habe man Geld für ein Glas Wasser für die Verletzte verlangt und Blutspuren vor Eintreffen der Polizei weggewischt. Vorwürfe, die die Unternehmenszentrale in München bestreitet. Das der Polizei vorliegende Überwachungsvideo zeige eindeutig, wie Mitarbeiter der Verletzten Wasser brächten. Dass die Belästigung auf der Toilette nicht bemerkt wurden, sei auf den erhöhten Kundenverkehr und den entsprechenden Lärmpegel zurückzuführen. Allerdings bestätigt McDonalds Deutschland, dass die Gruppe um Senal M. bereits vor dem Streit auffällig geworden und vom Personal ermahnt worden sei.

Was den Streit zwischen Tugçe A. und Senal M. genau ausgelöst hat, wissen die Ermittler noch nicht. Aufschluss erhoffen sie sich von den Aussagen der beiden Mädchen, denen Tugçe A. zur Hilfe eilte. Allerdings haben diese sich noch nicht gemeldet. Gerüchteweise soll es sich um Bekannte von Senal M. handeln.

Am Donnerstag besuchte Offenbachs Bürgermeister Peter Schneider Tugçe A.s Familie und kondolierte im Namen der Stadt. Ob die Beatmungsmaschinen abgestellt werden, wird vermutlich am heutigen Freitag entschieden, Tugçe 23. Geburtstag.

Ab 18 Uhr soll vor dem Sana-Klinikum eine Mahnwache stattfinden.

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