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Alte Berufe Mit die Letzten ihrer Art

Der Feintäschner Willy Röder setzt mit seiner Ledermanufaktur im Offenbacher Stadtteil Bieber auf Nischenprodukte wie Linkshänderportemonnaies.

Offenbach. Feintaeschner, Alte Berufe. TAGESHONORAR
Als wäre die Zeit stehen geblieben: In Willy Röders Lederwerkstatt wird noch so ähnlich gearbeitet wie vor Jahrzehnten. Foto: Renate Hoyer (Renate Hoyer)

Die Lederstadt Offenbach ist ein Phantom. Es gibt zwar noch die „Internationale Lederwarenmesse“ und das Ledermuseum – aber das tägliche Leben prägt die Lederwarenindustrie, die in Stadt und Umland einmal über 10 000 Menschen beschäftigt hat, hier schon lange nicht mehr. Lederwaren werden heute günstig vor allem in Indien produziert. In Offenbach bleibt seit Wegzug oder Schließung der großen Betriebe wie Goldpfeil vor allem eines: die Erinnerung.

Und Willy Röder. In einem unscheinbaren Hinterhof im Stadtteil Bieber hält der 67-Jährige mit seiner „BB-Ledermanufaktur“ seit Jahren einen kleinen Rest der einst so großen Branche am Leben: der freundliche Mann mit dem spitz zulaufenden Oberlippenbart ist einer von wenigen verbliebenen Feintäschner der Region – ein „Portefeller“, wie manche noch sagen.

Wer Willy Röders Werkstatt sucht, der braucht nur dem dumpfen Tackern der alten Nähmaschine folgen. Ein kräftiger Ledergeruch durchzieht die Räume, wo Röder mit seinem Team immer noch Lederwaren und Produkte aus Textilien produziert – vor allem Taschen, aber auch Lederhüllen aller Art. In den Regalen stapeln sich Rollen mit Leder und messerscharfe Eisenformen, mit denen sich passgenaue Löcher stanzen lassen. Die Maschinen stammen noch aus den Fünfzigern und wurden zum Großteil in Offenbach gebaut. Neue Gerätschaften seien nicht nötig, sagt Röder: „Das ist wie bei einem Hammer – der ändert sich auch nicht.“

Momentan arbeitet Röders Mitarbeiterin Hedi Schmitt unter anderem an Taschen mit einem Kronenmotiv. Es ist eine Auftragsarbeit und Schmitt setzt flink immer wieder die Nadel der Nähmaschine an. Von manchen Modellen fertigt sie Hunderte, von anderen nur eine Handvoll.

Nach und nach haben in Offenbach und Umgebung die Lederwerkstätten dicht gemacht – Willy Röder und Hedi Schmitt sowie Vertriebsleiter Savino Carella sind geblieben. Röder ist seit den Sechzigern in der Branche tätig: Erst bei einer großen Firma, später in dem von seinem Großvater Wilhelm Barth und Onkel Theo Bauer gegründeten Betrieb, den er heute leitet. „Wir können einfach nicht aufhören“, sagt Hedi Schmitt und lacht. Es sind unter anderem Nischenprodukte wie Linkshänderportemonnaies, die Röder heute noch im Internet und im Lagerverkauf vertreibt. Manches davon wird in Indien produziert – in einem Werk mit ordentlichen Arbeitsbedingungen, wie Röder sagt. Er selbst war schon mehrfach dort. Andere Produkte wie etwa lederne Hüllen und Halter für Gesetzessammlungen stellt das Team weiterhin in Offenbach her.

Auch Handtaschen entwirft Röder noch. Hat er einen Kunden, zeichnet Röder die Entwürfe für die Form und fertigt einen Prototyp, bevor die Tasche mit Hilfe von Hedi Schmitt in die Serienproduktion geht. Sein Rekord waren 17 Prototypen – bei einer Tasche für eine Jil-Sander-Kollektion. Seine Muster konstruiert der Täschner mit Papier. Und seine Augen glänzen etwas, wenn er zeigt, wie das geht. Von der Idee bis zum fertigen Produkt alles in der Hand zu haben – das reizt ihn. Dass Leder „Made in Germany“ wieder groß wird, glaubt Röder aber nicht. Zum einen fehle Nachwuchs, auch weil man in einer „sterbenden Branche niemanden guten Gewissens ausbilden“ könne. Zum anderen steige das Interesse an heimischen Waren stets nach Berichten über Kinderarbeit in Indien – aber nur kurz. „Man muss den Beruf lieben“, sagt Röder, denn betriebswirtschaftlich sei es eigentlich „unsinnig“, in Offenbach zu produzieren: „Das ist eben auch ein Hobby“.

 

Im Web: www.bb-ledermanufaktur.de

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