Afghanen in Hessen Mehr Unterschriften gegen Abschiebungen erbeten

Eine Schülerinitiative aus Offenbach will ihre Online-Petition für ein Bleiberecht der vielen jungen Afghanen in Hessen auf 100.000 erweitern.

Offenbach
Jungen Menschen in Offenbach droht die Abschiebung: Hibba Kauser (2.v.l.) organisiert eine Petition. Fotograf: Monika Müller

Seit im letzten Jahr die ersten Abschiebe-Bescheide bei Hibba Kausers afghanischen Mitschülern eingetroffen sind, ist das Leben von Offenbachs Stadtschulsprecherin etwas enger getaktet als bisher. Mit anderen Schülerinnen und einer Lehrerin hat sie den Protest für ein Bleiberecht der vielen jungen Afghanen initiiert, die Integrationsklassen in der Stadt besuchen.

In der Folge organisierte die Initiative Demos in Offenbach und Berlin. Und sie stellte im August eine Petition ins Netz: Fast 53 000 Menschen haben das Ansuchen auf der Kampagnenplattform „change.org“ mittlerweile – Stand Freitag – unterschrieben. Und es sollen noch mehr werden. Das Ziel: Ende April will die Initiative mit mehr als 100 000 digitalen Unterschriften im Gepäck nach Berlin fahren und dort eine öffentlichkeitswirksame Aktion starten. Allein die schiere Menge der Unterstützer soll ein Signal an Bundes- und Landespolitik sein, dass es viele gibt, die Abschiebungen nach Afghanistan ablehnen – auch wenn es gleichzeitig Forderungen nach mehr Abschiebungen gibt.

„Wir wollen den Leuten zeigen, dass das Engagement weiterhin da ist“, sagt Hibba Kauser. Die Tochter von aus Pakistan geflohenen Eltern verbrachte ihre ersten Lebensjahre in einer Unterkunft für Geflüchtete in Brandenburg. Die Familie hätte damals viel Unterstützung erfahren, erzählt sie und ergänzt: „Ich dachte immer, irgendwann muss ich das zurückgeben.“ Kauser hat sich das Thema Integration deshalb schon länger auf die Fahnen geschrieben: Im April bekommt sie dafür zusammen mit der Theodor-Heuss-Schule den Integrationspreis der Stadt Offenbach verliehen. Mit ihrem „aktiven Engagement“ habe sie sich „um die Integration der Zugewanderten unterschiedlicher sozialer Schichten besonders verdient gemacht“, sagt Offenbachs Integrationsdezernent Peter Freier (CDU). Die Initiative gegen Abschiebungen nach Afghanistan versucht derweil, sich besser mit Aktiven an Schulen benachbarter Städte zu vernetzen und sammelt Spenden, etwa um Klagen von afghanischen Schülern gegen ihre negativen Asylbescheide zu finanzieren.

„Die Stimmung hier pendelt zwischen Erstarrung, Hoffnungslosigkeit und Retraumatisierung“, erzählt Brigitta Simbürger, die an der August-Bebel-Schule im Südwesten Offenbachs Integrationsklassen unterrichtet und die den Protest im vergangenen Frühjahr mit einem offenen Brief erst ins Rollen gebracht hatte. Drei Viertel der Schüler ihrer aktuellen Integrationsklasse hätten im Laufe des letzten Jahres Abschiebebescheide bekommen, erzählt sie.

Ob ihnen tatsächlich irgendwann die Abschiebung droht, ist unklar: Seit Ende 2016 sind rund 170 Menschen von Deutschland nach Afghanistan abgeschoben worden. Die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es weitergeht, sei ihren Schülern, die vor dem Hauptschulabschluss stehen, aber anzumerken, sagt Simbürger. „Diese jungen Leute werden retraumatisiert, das ist ein Skandal und es ist schwer auszuhalten“, erzählt sie und berichtet von einem 19-Jährigen, der sich lieber umbringen wolle, als in sein Heimatland zurückzukehren. Der UN zufolge sind auch 2017 wieder über 10 000 Zivilisten in Afghanistan getötet oder verletzt worden.

Simbürger lässt nichts unversucht: Gerade hat sie mit Schülern einen Brief an den kanadischen Premier Justin Trudeau verfasst – in der Hoffnung, dass es dort Hilfe für die jungen Afghanen aus Offenbach gibt.

Mehr Informationen zu der Online-Petition gibt es online: bit.ly/2vmeI9I.