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100 Jahre Wilhelm-Schramm-Stiftung Ein Altersheim mit Heimatgefühl

Vor genau 100 Jahren genehmigte der Großherzog von Hessen die "milde Stiftung" des Offenbacher Millionärs Wilhelm Schramm. Der war kinderlos gestorben und hatte sein Vermögen einer Stiftung hinterlassen - bis heute profitieren die Bürger von dem Wohltäter.

Helene Stute ist fast so alt wie das Wilhelm-Schramm-Altersheim. Die 95-Jährige aus Offenbach hat als Kind in der Nachbarschaft der Stiftung gespielt. Foto: Andreas Arnold

Als Kind ist Helene Stute auf dem Hügel des Buchrainwegs gerodelt. Sie hat den Schlitten von der Waldstraße, wo sie damals wohnte, bis in die Nähe des Wilhelm-Schramm-Altenheims gezogen, einer stattlichen Villa aus dem Jahr 1913, mit einem kleinen Säulengang vor dem Haus, um dann in die Stadt zu schlittern.

Heute lebt die 95-Jährige selbst im Alten- und Pflegeheim der Wilhelm-Schramm-Stiftung. Sie hat sich ihr Zimmer mit Teppich, Tisch und Stühlen aus der eigenen Wohnung eingerichtet; das Relief, das ihrem Mann so gefiel, eine mittelalterliche Wirtshausszene, hat sie auch mitgenommen. „Das Haus war mir bekannt, das hat es mir leicht gemacht, mich dafür zu entscheiden“, sagt Helene Stute. Sohn und Schwiegertochter, die in Offenbach wohnen, kommen oft zu Besuch. Auch Elisabeth König (76) kennt das Alten- und Pflegeheim von früher, als sie mit ihren drei Kindern Richtung Buchrainweiher und Goetheturm geradelt ist, das jüngste Kind immer auf dem Kindersitz. „Das gibt so ein Heimatgefühl“, sagt Elisabeth König.

Den Stiftungsgründer würde es gewiss freuen. In seinem Testament verfügt er, dass in dem Altersheim Offenbacher Bürger, die im Alter unverschuldet in Armut geraten sind, unentgeltlich „Aufnahme, Verköstigung, Verpflegung und Behandlung“ erhalten sollen. Geld dafür gibt es genug. 1,135 Millionen Goldmark macht sein Nachlassvermögen aus.

Die Inflation hat das Stiftungsvermögen aufgezehrt

Vor 100 Jahren, am 22. Oktober 1910, wird die Wilhelm-Schramm-Stiftung vom Großherzog von Hessen als „milde Stiftung“ genehmigt. Das Jubiläum feiert die Stiftung demnächst im kleinen Kreis. Am 1. Dezember 1913 geht das Altersheim in Betrieb. Der Architekt Hugo Eberhard entwirft das Gebäude. Es enthält neben Schlafzimmern auch Krankenzimmer, Tagesräume, Speisesaal und einen elektrischen Aufzug. Zeitgenossen beschreiben es als fortschrittlich.

20 Pfründner und Pfründnerinnen, wie die Bewohner genannt werden, ziehen ein. Ob das Gründerzeit-Büfett aus dunklem Holz, das im Speisesaal steht, zur Erstmöblierung gehört, weiß niemand mehr. Doch man kann es sich vorstellen. Ein Park mit Obstbäumen erstreckt sich hinter dem Haus.

Als Altersheim dient das Haus zunächst nicht lange. Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg lässt das Vermögen wie Schnee in der Sonne schmelzen. Das Stiftungskuratorium ist gezwungen, das Heim für zehn Jahre an die Stadt Offenbach zu verpachten, die bis 1932 eine Unterkunft für Rekonvaleszenten und Säuglinge unterhält. Danach haben sich die Stiftungsfinanzen so weit erholt, dass das Altersheim wieder öffnet. Nur müssen die Bewohner fortan einen niedrigen Pensionspreis zahlen. „Auch heute sind unsere Gebühren meist niedriger als in anderen Häusern“, sagt Verwaltungsleiter Detlev Oberhell. Anders als private Heime darf die gemeinnützige Einrichtung keinen Gewinn erwirtschaften.

Längst sind nicht mehr alle Bewohner bedürftig – heute sichern ja die Sozialsysteme Alter und Pflegebedürftigkeit ab. Auch auf die Herkunft der Senioren aus Offenbach kann Oberhell keine Rücksicht mehr nehmen. Allerdings stammen immer noch die meisten Menschen, die sich für das Heim interessieren, aus Offenbach oder Oberrad. 30 Frauen und neun Männer leben dort. „Wir haben eine lange Warteliste“, erklärt Oberhell. Wie Wilhelm Schramm es verfügte, bestimmen noch immer Verantwortliche aus der Offenbacher Wirtschaft, Handwerk und Politik die Geschicke. Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) ist der erste Vorsitzende des Kuratoriums. Seit 1985 gibt es eine Pflegestation.

„Als kleines Haus können wir auf die Bedürfnisse des Einzelnen besser eingehen“, sagt Oberhell. Die Senioren, auch die Dementen, können sich in dem übersichtlichen dreigeschossigen Bau kaum verirren, die Atmosphäre ist familiär und die Tür zu den Büros steht immer offen.

Dass viele Bewohner aus Offenbach sind, hat für die Arbeit von Gerlinde Rüssner, für die soziale Betreuung zuständig, Vorteile. „Es wird der gleiche Dialekt gesprochen, wir verstehen die Alten, wenn ihnen nur noch die Sprache ihrer Kindheit einfällt“, sagt sie. Helene Stute sagt „Schawellsche“ für ihren Fußschemel, und „Kolter“, wenn sie Wolldecke meint.

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