Lade Inhalte...

Containern Die Müll-Gourmets

Eine Sekretärin und ein Sozialpädagoge tauchen nachts im Müll eines Supermarkts - aus Überzeugung. Unser Autor hat sie begleitet, die Polizei war auch dabei. Konnte das gutgehen?

17.03.2012 23:11
Dominic Schreiner
Die Mülltaucher finden jede Menge essbarer Lebensmittel. Foto: Schreiner

Mitternacht: Über das Gelände des Rewe-Supermarkts in Gonsenheim schleichen vier Gestalten. Einer hat einen großen Rucksack in der Hand, die anderen tragen klappbare Plastikkisten. Alle Behältnisse sind leer. Noch. Denn in wenigen Minuten werden sie randvoll mit Lebensmitteln aus dem Müllcontainer sein.

Die Sekretärin Talley Hoban, der Sozialpädagoge Robin Riedel und die angehende Kunststudentin Katharina Busch nennen sich „Mülltaucher“, sie gehen etwa alle zwei Wochen auf nächtlichen Fischzug in den Müllcontainern verschiedener Supermarktketten. Sie „containern“, mehr aus ideologischen Gründen als aus finanziellen.

Was sie aus den Containern rausziehen, macht sie gleichermaßen glücklich und wütend. Glücklich, weil sie damit einen großen Teil ihres eigenen Bedarfs an Obst, Gemüse, Brot und vielem mehr abdecken können. Meist finden sie mehr als genug brauchbare Lebensmittel, so dass sie regelmäßig ihre Freunde einladen können, zur „Kochparty“. Was bei einer solchen Party an Speisen auf den Teller kommt, besteht ausschließlich aus Weggeworfenem.

Wütend sind sie wegen der unvorstellbar großen Menge an weggeworfenen Lebensmitteln, die den drei Mülltauchern das Einkaufen im Supermarkt mehr oder weniger komplett erspart. Ihre Wut richtet sich gegen die Supermarktketten und die Leiter der einzelnen Filialen, die gutes Essen lieber wegschmeißen, statt es Obdachlosen zu stiften oder karitativen Einrichtungen wie der „Tafel“ zur Verfügung zu stellen.

Auch Michael Schieferstein regt sich auf. Schieferstein ist Profi-Koch, er hat in seiner Karriere in ganz Europa in insgesamt 14 Häusern mit mindestens einem Stern gekocht. Momentan ist er Küchenchef im „Baron“ auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität, kocht dort täglich ausschließlich frisch und ausschließlich mit regionalen und saisonalen Produkten. „Bei mir in der Küche wird nichts weggeworfen, nichts. Es lässt sich doch alles irgendwie verwenden“, sagt er. „Der Großhandel entsorgt ganze Kisten an Nahrung, weil er einfach keine Zeit zum Sortieren hat“, sagt er.

Ist in einer Kiste mit Babynahrung ein Fläschchen kaputt gegangen, dann wird eben die ganz Kiste weggeschmissen. Schließlich könnten die anderen Gläschen beschmutzt worden sein. Das regt ihn auf. Deshalb engagiert er sich bei dem Projekt „Taste the waste“ und ist in dieser Nacht mit den Mülltauchern unterwegs.

Vor allem die Quantität der verschwendeten Lebensmittel erstaunt. „Wir rechnen in Badewannen“, sagt Robin Riedel. Eine ganze Badewanne voll mit Brot und Croissants, am selben Tag gebacken, fischt er aus dem Müllcontainer des Aldi-Markts. Netze mit Orangen, Stiegen mit Bio-Brokkoli, Paletten mit probiotischen Drinks kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

An der Kreuzung hält ein Streifenwagen. „Achtung, da ist die Polizei“, ruft jemand. Das Mülltauchen ist illegal. Hausfriedensbruch ist das eine Delikt, die Mitnahme der Lebensmittel ist Diebstahl. „Seit fünf Jahren versuche ich, verhaftet zu werden“, sagt Talley Hoban. Sie sucht die Öffentlichkeit, um auf den „verschwenderischen Wahnsinn“ im Umgang mit Lebensmitteln aufmerksam zu machen. Doch auch heute Nacht hat sie wieder Pech. Der Streifenwagen fährt weiter.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen