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Ärger um Fastnachtsauftritt Narhallamarsch für Sarrazin

Als Finanz-Staatssekretär war er aus Mainz ausgezogen. Jetzt kommt er als Narr zurück. Bei einer Fastnachtssitzung der "Ranzengarde" hält Thilo Sarrazin eine umstrittene Rede - und vor der Tür demonstrieren 200 Menschen gegen Rassismus .

Thilo Sarrazin mit einem "Ranzengardisten" Foto: dpa

Tatsächlich, unglaublich: Thilo Sarrazin bemühte sich, lustig zu sein. Das gelang dem trockenen Ex-Bundesbanker am Sonntagabend in Mainz besser als erwartet, als er „in de Bütt“ vor dem Saal voller Narren die Nervosität der ersten Sätze hinter sich hatte. Sogar etwas Selbstironie war dabei, als der umstrittene Autor sich selbst als den „Beelzebub aus Berlin“ bezeichnete.

Direkt darauf eingehen, was draußen passiert war, mochte er nicht. Dabei war es auch für Sarrazin unüberhörbar gewesen: Rund 300 Demonstranten hatten sich drei Stunden lang an ihm abgearbeitet, „Drecksrassist“ gerufen und Plakate herumgetragen mit Texten wie „Volksverhetzer Sarrazin – in den Knast, nicht in die Bütt“.

Dann war der wegen seiner Ausländerthesen umstrittene Noch-SPD-Politiker dran. Oben, im ersten Stock des Kurfürstlichen Schlosses, im großen Saal, der „guten Stube“ der Mainzer, stieg die Spannung – nicht nur bei den Trägern der Fantasieuniformen, Anzüge und Kostüme, sondern auch beim satten Journalisten-Aufgebot.

Sarrazin dozierte 20 Minuten über „Humor, Ironie und Zynismus“. Der Polarisator mühte sich, nicht noch mehr Öl in die vorm Schloss und sonstwo längst brennenden Wogen zu kippen. In eher harmlosen O-Ton absolvierte er nach Narhallamarsch, Humtatäterä und dreifach donnerndem Helau seinen Job als Laudator für den diesjährigen Preisträger der „Mainzer Ranzengarde“, den Mainzer Musik-Kabarettisten Lars Reichow.

Kabarettist Reichow verteidigt Sarrazin

Reichow erwähnte endlich die Demonstranten vor der Tür. Doch dann kamen von ihm unerwartete Worte. Er verteidigte die Ranzengarde, die trotz heftiger öffentlicher Kritik an Sarrazins Laudatio festgehalten hatte. „Die Mehrheit ist genau Ihrer Meinung“, rief Reichow seinem Laudator zu, „und auch bei mir haben Sie einen Nerv getroffen.“ Auch er habe Angst, zusammen geschlagen zu werden, „Angst vor denen, die uns fremd sind“. „Sie sind kein Rassist“, attestierte er Sarrazin.

Doch ganz so ungeschoren ließ er den „Provokateur“ nicht davonkommen. Etwas „weltfremd“ sei dieser, und gar so ungefährlich sein Millionen-Bestseller auch nicht. „Jemand mit ihrem Buch unterm Arm könnte etwas Entsetzliches anrichten“, rief er aus.

Sarrazin ist selbst Preisträger der traditionsreichen Garde, die im 19. Jahrhundert als Parodie auf die Wach- und Ehrenkompanie des Landesfürsten gegründet wurde, aber heute diverse Polit-Honoratioren in ihren Reihen hat. 2009, als Sarrazin den Preis bekam, hatte das kaum jemanden hinter dem Ofen hervorgelockt. Diesmal war es anders.

Protest vor der Tür

Sein angekündigter Auftritt hatte die Wogen bereits vor Wochen hochschlagen lassen. Ein Anti-Sarrazin-Bündnis mobilisierte, darunter Grüne, die Linken, die DGB-Jugend, Pax-Christi und Migranten-Organisationen. Der Auftritt trage „mit dazu bei, dass seine Thesen verharmlost werden und Rassismus weiter salonfähig wird“, hatten sie im Demo-Aufruf geschrieben.

Kundgebungsredner Gerhard Trabert attackierte die Narren im Schloss heftig. Sie verkehrten die einst obrigkeitskritische „Fassenacht“ in ihr Gegenteil, indem sie einem „Hassprediger“ wie Sarrazin erneut ein Forum gäben.

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