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Wiesbaden/Main-Taunus Bikini an der Wäscheleine

Freizügige Badebekleidung und die Schrecken des Krieges: Ein Kalender mit Fotos erzählt die Erinnerungen von Senioren aus Schwalbach, Hattersheim und Wiesbaden.

19.01.2011 15:20
Gesa Fritz
1938 hat Edith Haroth mit einem solchen Bikini noch Aufsehen erregt. Foto: Evim

Im Jahr 1938 war Edith Haroth jung, hübsch und selbstbewusst. Und vor allem: Sie hatte einen Bikini. Das öffentliche Tragen der freizügigen Badebekleidung war zwar 1932 vom preußischen Innenminister Franz Bracht mit dem sogenannten Zwickelerlass verboten worden. Dennoch wagte sich die damals 21-Jährige bei ihrem Ostsee-Sommerurlaub mit einem Zweiteiler an den Strand. Obwohl sie großes Aufsehen erregt haben muss, kam sie ungeschoren davon.

„Alle haben nur auf meinen Bikini geguckt“, erzählt sie mehr als 70 Jahre später. Das spektakuläre Vorführmodell mit weiß-gelbem Margeriten-Muster hatte die Chefsekretärin eines Kaufhauses zuvor einem Vertreter für Bademoden abgeschwatzt.

Für einen Kalender des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (Evim) hat Edith Haroth in ihren Erinnerungen und Fotos gegraben. Und sich noch einmal in einem Strandkorb ablichten lassen – den Bikini dieses Mal an der Wäscheleine.

Prägendes Erlebnis Krieg

Der Kalender erzählt Lebensgeschichten von Senioren. Er ist eine Gemeinschaftsarbeit von Heide Künanz, die das Projekt leitet, der Fotografin Lisa Farkas und der Autorin Anja Baumgart-Pietsch. Sie haben sich mit Bewohnern von Seniorenzentren in Schwalbach, Hattersheim und Wiesbaden unterhalten. Unter ihren Gesprächspartnern waren auch zwei Seniorinnen mit geistigen Beeinträchtigungen.

Die Senioren haben für den Kalender prägende Erinnerungen erzählt. Diese wurden dann in Schwarz-Weiß-Fotos umgesetzt. „Die Bilder sind eine optische Übersetzung der Erinnerung“, sagt Fotografin Farkas. Mit viel Bedacht wurden Requisiten, Kostüme und Umfeld ausgewählt. Da wurden Broschen vom Deutschen Roten Kreuz ausgeliehen, ein Kreuz aus Weidenzweigen geflochten oder für Edith Haroth ein Bikini genäht.

Viele Erinnerungen der Senioren kreisen um den Krieg. Wie die von Hedwig Schwab. Sie erzählt, wie sie als Flakhelferin junge Mädchen in den sicheren Tod schicken sollte. „Für sechs Pfennig krieg ich eine Neue“, soll ihr tobender Vorgesetzter ins Telefon gebrüllt haben, als sie sich verweigerte. Sie wurde für den Kalender in der hessischen Staatsbibliothek vor rechtswissenschaftlichen Büchern fotografiert. Ans Regal gepinnt hängt ein Zettel mit dem Zitat des Vorgesetzten.

Die Geschichten, die hinter den Bildern stehen, erzählt Anja Baumgart-Pietsch in Begleittexten. Edith Haroth war mit 93 Jahren die älteste Teilnehmerin an dem Projekt. Ende vergangenen Jahres ist sie gestorben. Der Kalender ist für das Jahr 2012 geplant.

Die Kalendermotive werden vom 27. Februar bis zum 5. März in einer Ausstellung in den Kurhaus-Kolonnaden in Wiesbaden gezeigt.

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