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Stadtentwicklung in Hattersheim „Es muss erlaubt sein, auch mal um die Ecke zu denken“

Klaus Schindling (CDU), Bürgermeister von Hattersheim, spricht im FR-Interview über kreatives Sparen in der Schutzschirmkommune und Pläne für die Zukunft als „Digital Village“.

Klaus Schindling
Klaus Schindling arbeitete in der freien Wirtschaft, ehe er Rathauschef in Hattersheim wurde. Foto: Michael Schick

Herr Schindling, Hattersheim kann ein Jahr früher als geplant den Schutzschirm des Landes Hessen verlassen. Was bedeutet das für die Stadt?
Das heißt, dass 22 Millionen Euro unserer Schulden vom Land übernommen werden. Laut Schutzschirmvertrag waren wir seit 2014 zu sparsamer Haushaltsführung verpflichtet und zum Abbau der Kassenkredite. Der städtische Haushalt musste drei Mal hintereinander ausgeglichen sein. Das alles haben wir geschafft – auch weil die Bürger mitgeholfen haben.

Welchen Beitrag haben die Bürger geleistet?
Wir konnten als Stadt eine Menge Geld sparen durch das ehrenamtliche Engagement der Hattersheimer – etwa beim Erhalt des Tierparkes oder durch den Förderverein, der sich um das Schwimmbad kümmert. Die Eddersheimer Sportvereine, deren Mannschaften in der Hessenliga und der Bundesliga spielen, konnten wir als Stadt nicht speziell unterstützen, sie sind selbständig auf Sponsorensuche gegangen.

Jetzt, wo Hattersheim den Schutzschirm verlässt – können Sie als Kämmerer da freier agieren?
Na ja, nicht so ganz. Wir sind sozusagen „auf Bewährung frei“, müssen weiterhin auf sparsame Haushaltsführung achten und die kaufmännische Sorgfaltspflicht walten lassen. Mit Unterstützung des Programmes Hessenkasse werden wir 6,6 Millionen Euro an Kassenkrediten zurückzahlen können. Unser Ziel muss sein, die städtischen Schulden komplett abzubauen. Und es wird vor allem darum gehen, die Einnahmensituation der Stadt zu verbessern.

Wie soll das gelingen?
Wir haben vor kurzem mit dem Rechenzentrumsbetreiber e-Shelter ein finanzstarkes Unternehmen der IT-Branche nach Hattersheim holen können. Das ist auch der Wirtschaftsförderung zu verdanken, die ich mit Alexander Schwarz an der Spitze zur Stabsstelle im Rathaus gemacht habe. Auf diesem Weg wollen wir weitergehen. Wir werden Hattersheim als attraktiven Standort bewerben, ideal gelegen an der A 66 auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Wiesbaden, nah am Flughafen und mit Anbindung an die Schiene und den Main. Da passt einfach alles.

Sie haben vor kurzem davon gesprochen, Hattersheim zum „Digital Village“ machen zu wollen. Was meinen Sie damit?
Jede Zeit hat Ihre Besonderheiten, aktuell sind viele Innovationen mit der Digitalisierung verbunden. Wir müssen weiterhin dafür sorgen, dass Hattersheim kein weißer Fleck auf der Landkarte der Digitalbranche ist. Deshalb arbeiten wir auch mit Maklern zusammen, die für nicht europäische Firmen, beispielsweise aus Asien, Standorte in Europa suchen. Wir wollen Big Player in die Stadt bekommen, uns eventuell um die Ansiedlung einer internationalen Schule kümmern, damit wir als Standort für Firmen aus dem Ausland attraktiv sind.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind sicher Investitionen nötig. Wie lässt sich das mit dem Sparkurs als Ex-Schutz-Schirmkommune vereinbaren?
In der Tat müssen wir schauen, was wir an Investitionen benötigen und wie wir sie gegenfinanzieren. Als die Firma e-Shelter 70000 Quadratmeter für ihre Ansiedlung gesucht hat, haben wir mit der Hessischen Landgesellschaft zusammengearbeitet, die die Grundstückskäufe abgewickelt hat. Selbst hätten wir die Flächen nicht zur Verfügung stellen können. Ein anderes Beispiel ist die neue Kita an der Dürer- Straße, die wir zusammen mit dem Evangelischen Verein für Innere Mission in Nassau (Evim) bauen. Wir finanzieren die Containeranlage, die als temporäre Lösung dient, über ein Miet-Kauf-Modell. Eine unkonventionelle Sache ist auch die Pflege unserer Verkehrskreisel. Da kümmern sich drei Gartengestaltungsfirmen drum, die kein Geld verlangen und dafür Werbung auf dem Kreisel für sich machen können. Wir sparen so tausende Euro im Jahr.

Das hört sich kreativ an...
Ich komme ursprünglich aus der freien Wirtschaft und habe das Verwaltungshandeln erst in den letzten Monaten gelernt. Ich gleiche meine Entscheidungen immer wieder mit unternehmerischen Gedanken ab. Ich finde, es muss auch in einer Kommune erlaubt sein, mal um die Ecke zu denken.

 

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