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Rettershof Kelkheim „Haarscharf an einer Katastrophe vorbei“

Beim Großbrand auf dem Rettershof in Kelkheim vor zwei Wochen ist ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Viele Bürger wollen beim Wiederaufbau des historischen Hofgutes mithelfen.

Kelkheimer Reitershof nach Brand
Die Pferdeställe wurden vom Feuer komplett zerstört. Jetzt müssen Bagger die verkohlten Überreste fortschaffen. Foto: Michael Schick

Auf den ersten Blick ist alles wie immer: Vor dem Rettershof picken die Hühner im Sand, die Obstbäume hängen voll mit rotbackigen Äpfeln, ein Kind rattert mit seinem Bobbycar durch die Toreinfahrt. Im Innenhof des historischen Hofgutes jedoch offenbart sich schlagartig das gesamte Ausmaß der Zerstörung, die das Großfeuer Anfang Juli angerichtet hat. Von den historischen Pferdeställen stehen nur noch Mauerreste. Das Dach ist weg. Die große Backsteinwand in Richtung Reithalle hat ein Riesenloch. Berge von angesengtem Heu liegen vor der Brandruine, lose Ziegelsteine und verkohlte Holzbalken. Bagger fahren durch den Hof, sie sollen die Überreste des Brandes beseitigen. Zwei Wochen werden die Aufräumarbeiten auf dem Rettershof voraussichtlich noch dauern, rechnet Architekt Tobias Gillenkirch. Weil an einigen Stellen Einsturzgefahr besteht, müssen weitere Teile des Stallgebäudes abgerissen werden. Spuren des Brandes sieht man auch an der Fassade der Reithalle. Im Großen und Ganzen ist die Halle aber von den Flammen verschont geblieben und kann bald wieder genutzt werden.

Ausgebrochen war das Feuer in dem historischen Hofgut zwischen Fischbach und Schneidhain in den frühen Morgenstunden des 4. Juli. Durch das Küchenfenster habe er den roten Schein gesehen, erzählt Marc Fleischer-Pratschke, der seit zehn Jahren auf dem Rettershof wohnt. Sein erster Gedanke galt seiner Tochter Loki. Die Zehnjährige schlief in dieser Nacht zusammen mit einer Freundin auf dem Heuboden über den Pferdeboxen. Barfuß sei er zu den Ställen gelaufen, dort seien ihm die Kinder schon entgegen gekommen, erzählt Fleischer-Pratschke.

Trotz Rauch und großer Hitze lief der Familienvater in das Stallgebäude und öffnete die Pferdeboxen. „Es ist ein Horror, der tief steckt“ beschreibt er den Moment, als die Hufe der in Panik flüchtenden Tiere über den gepflasterten Boden donnerten, Pferde in Feuerwehrautos liefen und sich schwer verletzten. Paul Thiele, der ebenfalls im Rettershof wohnt, kam ihm bei der Rettung der Pferde zu Hilfe. Zuvor hatte er eine Glocke geläutet und so die übrigen Bewohner des Hofgutes vor dem Feuer gewarnt. Binnen kürzester Zeit standen die gesamten Stallungen in Flammen, erinnern sich die beiden Männer. Und das Feuer habe sich immer weiter durch die meterhoch aufgestapelten Heuballen gefressen.

Das brennende Heu war auch für die Feuerwehr eine große Herausforderung. „Man kriegt es kaum gelöscht“, erzählt der Kelkheimer Stadtbrandinspektor Alexander Kolata. Rund 7000 Heuballen seien am Rettershof gelagert gewesen. Mit Baggern wurden sie noch Tage nach dem Großbrand aus der Brandruine gezogen, die Fachwerkfassade des Stallgebäudes musste dazu eingerissen werden. Lastwagen brachten die Heuballen auf ein Feld bei Ruppertshain, wo sie ausgebreitet und gelöscht wurden.

Drei Tagen dauerten die Löscharbeiten am Rettershof. 360 Feuerwehrleute aus dem gesamten Main-Taunus-Kreis, Experten des Technischen Hilfswerkes und die Höhenrettung waren im Einsatz. Dass von den 18 Bewohnern des Hofgutes, unter ihnen mehrere Kinder, niemand bei dem Brand zu Schaden kam, grenze an ein Wunder, sagte Kelkheims Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW) gestern vor Journalisten. „Das war haarscharf an einer Katastrophe vorbei.“ Sechs Pferde würden noch in Tierkliniken behandelt. Zwei Pferde sind auf der Flucht gestorben.

Die Bewohner, für die die Stadt übergangsweise Pensionszimmer angemietet hat, können ihre Wohnungen mittlerweile wieder betreten. Durch Ruß und Löschwasser sei jedoch vieles unbrauchbar geworden, erzählt Marc Fleischer-Pratschke. Zudem liegt über dem Rettershof nach wie vor Brandgeruch. „Es wird dauern, bis wir das alles verarbeitet haben und uns hier wieder zu Hause fühlen“

Die Ursache des Großbrandes konnten die Experten der Kriminalpolizei bisher nicht herausfinden. Weder Brandstiftung noch ein technischer Defekt könnten ausgeschlossen werden. Auch eine biologische Selbstentzündung des Heus sei denkbar, sagte Polizeisprecher Johannes Neumann. Die Versicherung sei in die Untersuchungen mit eingebunden, berichtete Bürgermeister Kündiger. Über die Höhe des entstandenen Schadens könne man aktuell noch nichts sagen. „Mit ein paar hunderttausend Euro, wie zunächst berichtet, ist es aber nicht getan, das geht vermutlich in die Millionenhöhe.“

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