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Notfallseelsorge Da sein, wenn die anderen Retter weg sind

Notfallseelsorger stehen Menschen in schweren Lebenssituationen bei. Keiner ihrer Einsätze gleicht dem anderen.

Notfallseelsorger
Notfallseelsorger im Einsatz. Foto: Rolf Oeser

Reinhard Lippert erinnert sich noch gut an seinen ersten Einsatz als Notfallseelsorger. Eine leblose Person sei in ihrer Wohnung gefunden worden, meldete damals die Einsatzleitstelle des Main-Taunus-Kreises. Der Ehemann der alten Dame müsse betreut werden. Zusammen mit dem Notarzt fuhr Lippert nach Hattersheim. Als sie ankamen, konnte der Arzt nur noch den Tod der Frau feststellen. „Wir haben damals nicht viel gesprochen“, erinnert sich Reinhard Lippert. Der 80-jährige Witwer sei fassungslos gewesen, stand unter Schock. Doch die Anwesenheit des Seelsorgers und einer Nachbarin habe ihm gutgetan. „Ich selbst war tagsüber voller Adrenalin. Erst abends, als der Einsatz vorbei war, habe ich begonnen, das Erlebte zu verarbeiten“, sagt Lippert.

Notfallseelsorger wie Reinhard Lippert werden eigens geschult, um mit Grenzsituationen zwischen Leben und Tod umgehen zu können. Und sie erhalten Supervision, wenn sie nach einem besonders dramatischen Fall Hilfe benötigen. Der Kelkheimer ist ehrenamtlicher Helfer, wie fast alle, die sich in der Notfallseelsorge des evangelischen Dekanats Kronberg engagieren. Banker sind darunter, Piloten, Versicherungsvertreter, Apotheker, Krankenschwestern, Rentner und eine Journalistin. Nur Pfarrer Michael Scherer-Faller arbeitet hauptamtlich in der Notfallseelsorge mit.

Reinhard Lippert ist von Beruf Industriekaufmann. Ein einschneidendes persönliches Erlebnis habe ihn vor neun Jahren zur Notfallseelsorge gebracht, erzählt er. „Mein Bruder ist tödlich verunglückt, das war für mich ein harter Schnitt, wir waren sehr eng miteinander.“ Lippert erlebte am eigenen Leib, wie wichtig es ist, Unterstützung zu bekommen. „Ich wollte anderen, die Ähnliches erlebt haben, helfen, da sein, wenn Polizei, Notarzt und all die anderen Retter gehen“, sagt er.

Dutzende Einsätze hat er schon hinter sich. Wenn er laut Dienstplan Bereitschaft hat, kann jederzeit das Handy klingeln, das ihn zu einem Notfall ruft. Schwere Verkehrsunfälle können das sein, wo Überlebende betreut werden müssen, oder er begleitet Polizisten, wenn sie an der Haustür klingeln, um Menschen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen. Sein härtester Fall war die Betreuung einer jungen Frau nach einem Banküberfall. Sie war von dem Räuber mit einer Pistole bedroht worden und schwer traumatisiert. „Wir sind damals erst mal eine Runde spazieren gegangen und haben über alles gesprochen“, erinnert sich Lippert.

Am Telefon erfahren die Notfallseelsorger bereits, um welche Art von Einsatz es sich handelt. Viel Zeit, sich darauf vorzubereiten haben sie nicht. Die Tasche mit dem Ausweis und der lilafarbenen Jacke, mit der sie für andere Einsatzkräfte erkennbar sind, muss schon bereitstehen.

„Jeder Einsatz ist anders“, weiß Reinhard Lippert. Manche Menschen wollen sich alles von der Seele reden, andere schweigen lieber. „Man muss dann die Stille aushalten können und das Weinen.“ Mehrere Stunden sind die Notfallseelsorger meist im Einsatz. Am Ende geben sie auch Tipps, wo es weitere Hilfe gibt: beim Hausarzt, beim Psychologen, beim Gemeindepfarrer.

Ulrike Bachner wartet noch auf ihren ersten Einsatz. Vor kurzem erst hat die 53 Jahre alte Bad Sodenerin ihre Ausbildung zur Notfallseelsorgerin beendet. „Man würde jetzt gerne auch das Gelernte in der Praxis anwenden“, sagt sie. Bachner ist Betriebswirtin und arbeitet als Qualitätsbeauftragte in einer Klinik im Hochtaunus-Kreis. Das Ehrenamt habe in ihrer Familie Tradition, sagt sie. Auch sie fand den Weg zur Notfallseelsorge aufgrund einer „extrem belastenden Situation“ in ihrem Bekanntenkreis. „Da war ich da, als alle anderen gegangen sind und habe eine große Dankbarkeit von den Angehörigen erfahren.“

Ulrike Bachner wird ihren ersten Einsatz als Notfallseelsorgerin nicht alleine absolvieren. Sie wird dann einen erfahrenen Kollegen oder eine Kollegin begleiten, um sich schrittweise anzunähern an die Arbeit. Anschließend wird Pfarrer Michael Scherer-Faller sie anrufen und mit ihr über das Erlebte sprechen. „Das mache ich nach jedem Einsatz der ehrenamtlichen Helfer“, sagt er. Zusätzlich gibt es noch alle zwei Wochen Supervision in der Gruppe.

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