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Main-Taunus „Wir haben etwas zu geben“

Cornelia Zimmermann-Müller, die Gründerin der Evangelischen Familienbildung im Dekanat Kronberg, spricht im FR-Interview über Bildung und den Wert von Gemeinschaft.

Cornelia Zimmermann-Müller gründete die Evangelische Familienbildung im Dekanat Kronberg im Jahr 1994 und ist bis heute deren Leiterin. Derzeit arbeiten in der Familienbildung 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum großen Teil auf Stundenbasis sowie 200 Ehrenamtliche. Zu den Angeboten gehören die Schwalbacher Tafel, das Mehrgenerationenhaus in Eschborn, das Café Zeit für Arbeitslose, das Sternenzelt für trauernde Kinder, ein Babysitterpool sowie ein Vermittlungsservice für Senioren.

Frau Zimmermann-Müller, Sie feiern in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen. Sie sind seit 30 Jahren im Dekanat Main-Taunus angestellt, seit 20 Jahren gibt es die Familienbildungsstätte. Wie ist Ihr Fazit: Kann man Familien bilden?
Ja, natürlich. Aber der Bildungsbegriff hat sich im Laufe der Jahre verändert. Die Familienbildungsstätte Main-Taunus ist aus den Mütter-Schulen der Frauenhilfe hervorgegangen. Vor zwanzig Jahren ging es vor allem darum, den jungen Frauen und Müttern Kenntnisse und Fähigkeiten für die Arbeit in der Familie zu vermitteln. Auf dem Programm standen unter anderem Kurse zur Säuglingspflege und Nähkurse.

Und heute?
Heute ist es uns wichtig, Menschen in ihrer gesamten Lebensgestaltung zu unterstützen. Emotionale Bildung spielt dabei eine große Rolle. Auf gesellschaftliche Veränderungen wollen wir flexibel reagieren, deswegen haben wir zum Beispiel vor sechs Jahren die Schwalbacher Tafel gegründet und deren Leitung übernommen.

Sie haben auch Bildungsreisen und Familienfreizeiten im Programm. Wie unterscheidet sich eine Familienfreizeit von einem normalen Urlaub?
Vor allem durch die Gemeinschaft. Die Familien müssen sich nicht um die Organisation kümmern, die Kinder finden Spielkameraden im gleichen Alter, alle können, müssen aber nicht an einem Programm teilnehmen. Und da die Kinder in der Regel sich vor ihren Altersgenossen keine Blöße geben wollen, gibt’s auch selten Gequengel, selbst wenn bei einer Fahrradtour der Weg mal zu lang wird.

Brauchen die Menschen heute mehr Gemeinschaft?
Einen Berg vor Sonnenaufgang erklimmen, beim Abendrot noch zu einer Andacht zusammenkommen und eine Geschichte hören, nachts mit den Fackeln am Stand wandern, das sind Rituale, die Menschen gut tun. Ich denke, dass wir da als Familienbildungsstätte etwas zu geben haben, das ein normales Reiseunternehmen nicht leisten kann.

Wer fährt denn auf ihren Reisen mit?
Unsere Gruppen sind bunt gemischt. Zu uns kommt die Strafverteidigerin oder der Chefarzt mit Sohn und Tochter, aber auch das ältere Ehepaar, die alleinerziehende Mutter und Familien, die Harz IV beziehen. Unser Förderverein ermöglicht denen, die nicht genügend Geld haben, die Teilnahme.

Funktioniert diese soziale Mischung?
Ja, absolut. Das Schöne an unseren Reisen ist: Die sozialen Unterschiede kommen nicht zum Tragen. Hier ist etwas anderes wichtig als die Leistung und das Einkommen, hier geht es um das Miteinander. Wir wollen Räume schaffen, in denen Menschen so sein können, wie sie sind, in denen sie sich angenommen fühlen.

Erwarten Familien heute etwas anderes als vor 20 Jahren?
Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Menschen. Die Anforderungen im Beruf steigen ständig. Da heutzutage in der Regel beide Ehepartner berufstätig sind, bleibt immer weniger Zeit für die Familie. Das hat zur Folge, dass sich die Menschen nicht mehr gerne längerfristig festlegen. Das merken wir bei Veranstaltungen, die eine Anmeldung erfordern.

Sie haben von emotionaler Bildung gesprochen. Was verstehen Sie darunter und warum ist sie nötig?
Es gibt immer mehr Menschen, die wissen nicht, wie man streitet. Manchen fällt der Umgang mit Kindern schwer. Viele junge Eltern kommen aus Familien, in denen mit Konflikten nicht angemessen umgegangen werden konnte. Wie sollen sie dann gelernt habe, wie Auseinandersetzungen konstruktiv geführt werden? Die modernen Kommunikationsformen lassen keine Verbindlichkeit mehr aufkommen. Wenn Jugendliche per SMS oder Whats-App mit ihrem Freund oder ihrer Freundin Schluss machen, bleibt der oder die Verlassene mit seinen/ihren Gefühlen allein.

Wenn Sie eine Million bekämen, was wäre Ihr Zukunftsprojekt?
Ich würde ein riesiges Haus bauen, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters sich begegnen können. Es gibt noch immer viel zu wenig Begegnungsstätten. Das Mehrgenerationenhaus in Eschborn ist ein gutes Beispiel dafür, wie notwendig eine solche Begegnungsstätte ist.

Interview: Kerstin Klamroth

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