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Kelkheim Der Taktgeber

Der Kelkheimer Paulus Christmann gehört zu Deutschlands Top-Dirigenten

Paulus Christmann vor der Kirche St. Dionysius. Foto: Peter Jülich

Wenn Orchestermusiker mit dem Kopf nicken, ist das kein Zeichen von Zustimmung. Im Gegenteil. „Sie machen deutlich: Mit dem Dirigenten ist nicht viel los“, sagt Paulus Christmann. Und die Musiker müssen sich stattdessen selbst den Takt vorgeben.

Damit ihm das nicht passiert, zieht Christmann sich vor Auftritten regelmäßig für mehrere Tage komplett zurück. „Ich pauke die Partitur so lange, bis alle Noten sitzen.“ Das hat er auch jetzt wieder getan. Am kommenden Samstag steht er mit seinen Deutschen Philharmonikern in Bad Homburg auf der Bühne – beim Gala-Konzert zum 100. Kurstadt-Jubiläum. Werke von Mendelssohn-Bartholdy, Richard Wagner und die 2. Sinfonie von Johannes Brahms stehen auf dem Programm. Und gerade die habe es in sich, so Christmann. „Sie hört sich harmlos an, ist aber sehr schwierig zu dirigieren.“

Auftritte wie in Bad Homburg gehören für den 41-jährigen Kelkheimer inzwischen zum Alltag. Seit 2006 ist er Künstlerischer Leiter und Chefdirigent der Deutschen Philharmoniker und steht mit dem Orchester regelmäßig auf den großen Konzertbühnen der Republik. Wobei die Musiker kein festes Ensemble bilden, sondern sich je nach Projekt immer wieder neu zusammenfinden.

„Das macht die Problematik, aber auch die Qualität des Orchesters aus“, sagt Paulus Christmann. Denn die Latte für ein Engagement liegt extrem hoch: Die Musiker müssen entweder einem der deutschen Top-Orchester wie Berliner Philharmonikern oder Leipziger Gewandhausorchester angehören oder als Professoren an einer Hochschule unterrichten.

„Vor der ersten Probe bin ich nervöser als vor dem Auftritt selbst“, sagt Christmann. Schließlich seien die Musiker auf dem Dirigentenpult das allerhöchste Niveau gewohnt. „Die arbeiten ansonsten mit Leuten wie Simon Rattle und Claudio Abbado zusammen.“ Da könne er sich eine schlampige Vorbereitung nicht leisten. „Auch wenn das Publikum es nicht merkt – die Musiker registrieren es immer.“

Dass Paulus Christmann eine musikalische Begabung hat, war schon früh zu erkennen. Zudem stammt er aus einer musikalischen Familie – seine Mutter Elsbeth spielt mit ihren 80 Jahren immer noch die Orgel in der Kirche. Allerdings wollte Sohn Paulus als 19 Jahre alter Abiturient lieber Arien schmettern als den Taktstock schwingen und begann deshalb ein Gesangsstudium in Mainz und Köln. „Aber je besser ich singen konnte, desto mehr habe ich gemerkt: Das ist kein Beruf für mich“, erzählt er heute. „Das war mir zu egozentrisch.“

Gut, dass er parallel zu seinem Studium schon den Männergesangsverein Liederkranz in Kelkheim-Münster anleitete. „Ihnen war der Dirigent abhanden gekommen.“ Das gleiche passierte wenig später auch dem Kirchenchor St. Dionysius, in dem er auch selbst sang – und so sprang er hier ebenfalls ein. „Damit habe ich mir mein Studium finanziert“, erzählt er heute. Aber auch die Weichen zur späteren Karriere gestellt.

Endgültiger Auslöser dazu war das große Festkonzert zum 1000-jährigen Bestehen der Kirchengemeinde. „Elias“ von Mendelssohn-Bartholdy stand auf dem Programm. Außer seinem Chor musste der 23 Jahre alte Christmann erstmals auch ein Orchester dirigieren – das renommierte Radio-Sinfonie-Orchester Prag.

Bartholdy war seine Sternstunde

Ein Fiasko. „Ich bin mit ihnen nicht zurechtgekommen“, gibt Paulus Christmann zu. Doch statt zu resignieren, spornte ihn diese negative Erfahrung erst recht an. Er begann zusätzlich zum Gesangs- ein Dirigentenstudium. Nachdem er es beendet hatte, übernahm er 1998 den Hessischen Polizeichor. Seit 2005 ist er Leiter der traditionsreichen Frankfurter Singakademie und seit 2006 der Deutschen Philharmoniker. Mit beiden ist Paulus Christmann regelmäßig zu Gast in der Alten Oper – so werden Chor und Orchester am 3. November im Großen Saal gemeinsam die „Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi vortragen. Aber auch in seinem Heimatort ist Christmann immer wieder präsent. So hat der Kelkheimer Kulturförderpreisträger mehrere Konzerte in der Stadthalle dirigiert. Und vor Kurzem hielt er im Museum einen Vortrag über sein Lieblingsthema – die Musik der deutschen Romantik. Mit der hat er sich auch schon wissenschaftlich beschäftigt. 2002 legte er seine Doktorarbeit über Felix Mendelssohn-Bartholdy vor.

Dem Komponisten, der einige Jahre im Taunus verbracht hat, verdankt Paulus Christmann auch seine schönste musikalische Erfahrung. Den Auftritt mit dessen „Schottischer Sinfonie“ in der Berliner Philharmonie bezeichnet er als „echte Sternstunde“ – und das nicht nur, weil er und seine Musiker dafür als „Leading Orchestra of the World“ nominiert worden sind. Für die Zukunft hat Paulus Christmann noch keine konkreten Pläne. „Ich bin da offen.“ So etwas wie Karriereplanung habe er ohnehin nie betrieben. „Für keine meiner bisherigen Stellen habe ich mich vorher beworben.“

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