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Hofheim Wie die „Grad Gass“ zur Hauptstraße wurde

Das Stadtmuseum zeigt ein Sonderausstellung mit Fotografien aus über 100 Jahren.

Ausstellung
Karin Wetzig, Mitarbeiterin des Stadtmuseums, betrachtet alte und neue Fotos vom Eiscafé Venezia. Foto: Renate Hoyer

Sie ist die Flaniermeile der Main-Taunus-Kreisstadt schlechthin: Von der Zeil zieht sich die Hofheimer Hauptstraße fast schnurgerade quer durch die Fachwerkaltstadt bis zur Alten Bleiche. An der Kreuzung Taubengasse/Kurhausstraße macht die „Grad Gass“ einen leichten Knick und teilt sich in die Obere Hauptstraße, die in Richtung Nordosten verläuft und die Untere Hauptstraße, die in Richtung Süden führt. Einst hießen die beiden Straßenabschnitte „Obergaß“ beziehungsweise „Unnergaß“.

Ein reges Geschäftsleben gab es dort immer schon. Heute liegen an der Hauptstraße Publikumsmagneten wie das Eiscafé Venezia oder das Alte Rathauscafé, in dem der Frankfurter Konditor Daniel Anderlohr bäckt, seit er das Café Hollhorst am Römerberg aufgegeben hat. Außerdem die Pfarrkirche Sankt Peter und Paul und das ehemalige Kaufhaus Diener, das gerade zu einem luxuriösen Wohnhaus umgebaut wird.

Eine Ausstellung im Stadtmuseum zeichnet jetzt die Entwicklung der Hofheimer Hauptstraße in den vergangenen 150 Jahren nach, erzählt die Geschichten vieler Häuser und stellt neben historische Schwarz-Weiß-Fotografien die farbigen Bilder der heutigen Zeit.

Zusammengestellt hat die Schau die Hofheimer Stadtarchivarin Roswitha Schlecker. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie über die Hauptstraße erzählt. Ein Stück lokaler Wirtschaftsgeschichte werde anhand der Bilder sichtbar, die jetzt im Museum ausgestellt seien, sagt Schlecker. Eine Illustration des Hofheimer Einzelhandels in den letzten 100 Jahren sei so entstanden. Denn auf der Strecke zwischen Obertor und Untertor, vorbei an Rathaus und Kirche, habe sich das Geschäftsleben entwickelt – zunächst nur innerhalb der Stadtmauern, ab dem 19. Jahrhundert auch außerhalb.

Während es in der Oberen Hauptstraße viele Landwirte gab, entstanden rund um das Rathaus und in der Unteren Hauptstraße Handwerksbetriebe und Einzelhandelsgeschäfte. Arbeitsplatz und Wohnung der Menschen lagen dabei meist in einem Gebäude. Familienbetriebe prägten jahrzehntelang die Atmosphäre der Hofheimer Innenstadt, dazu eine Mischung aus Fachwerkhäusern und Gebäuden der Jahrhundertwende. Viele Betriebe und Geschäfte wurden im 19. Jahrhundert gegründet und dann an die Söhne weitergegeben. Gasthäuser, Bierbrauer, Bäcker und Metzger gab es in der Hauptstraße, aber auch eine Dampfmolkerei, eine Strumpfreparaturwerkstatt, Delikatess- und Kolonialwarengeschäfte.

In der Nachkriegszeit wäre die Hofheimer Altstadt beidseits der Hauptstraße fast abgerissen worden, Fachwerkhäuser sollten mehrstöckigen Mietshäusern weichen. Die Pläne scheiterten am Widerstand der Bürger, die in den 1970er Jahren mit der Sanierung der heruntergekommenen alten Häuser begannen. Historisches Fachwerk kam wieder zum Vorschein. Die Untere Hauptstraße wurde erst verkehrsberuhigt und dann zur Fußgängerzone. Boutiquen, Feinkostgeschäfte und Restaurants siedelten sich an, außerdem eine Reihe von Bankfilialen, die der Hauptstraße in den 1980er Jahren den Titel Hofheimer „Wallstreet“ eintrugen.

„Für viele Menschen in Hofheim gibt es Geschichten, die ihnen zur Hauptstraße einfallen“, sagt Roswitha Schlecker. „Die Ausstellung im Stadtmuseum will einen Teil dieser Geschichten zeigen und zum Gespräch und Austausch anregen.“ In einem Gästebuch könnten Besucher Hinweise notieren und so die Ausstellung ergänzen. Weil Roswitha Schlecker und der historische Arbeitskreis Hofheim von 79 Häusern die Geschichte erarbeitet haben, aus Platzgründen aber nur 21 Objekte in der Ausstellung präsentiert werden, wird ein Bildband über die Hauptstraße vorbereitet. Das Buch soll 2019 erscheinen.

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