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Hofheim Training fürs Leben

Das Vincenzhaus, ein markantes Fachwerkgebäude an der Vincenzstraße in Hofheim, ist seit 60 Jahren ein Kinderheim. Die Rückkehr in die Familie hat Priorität.

Vincenzhaus-Leiter Thomas Lange mit dem Apfelbaum, an den die Kinder Zettel mit ihren Wünschen gehängt haben. Foto: Michael Schick

Ein Wort hat sich hinübergerettet aus den 1950er Jahren: Das „Ämtchen“. Damit wird beschrieben, welchen Haushaltsdienst Kinder in ihren Wohngruppen im Vincenzhaus zu verrichten haben: Spülen oder Tischabräumen zum Beispiel. Wer gerade welches Ämtchen inne hat, steht auch heute noch auf der Pinnwand im Flur eines der Wohnhäuser. Ansonsten hat sich viel verändert in den vergangenen 60 Jahren, in denen das markante Fachwerkgebäude an der Vincenzstraße zur heilpädagogischen Einrichtung der Jugendhilfe wurde.

So haben die Kinder und Jugendlichen beispielsweise viel mehr Mitspracherecht als früher. „Partizipation“ nennt das der Leiter des Vincenzhauses, Thomas Lange, der vor vier Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Hofheim kam. Ein Kinder- und Jugendparlament hat er vor kurzem eingerichtet, einen Heimrat gibt es schon länger. Auf einem Fachtag haben Pädagogen und Erzieher unlängst gemeinsam mit den Kindern ausgelotet, wo Mitbestimmung sinnvoll ist – etwa, wenn es darum geht, wofür Spenden verwendet werden, wie das Außengelände gestaltet werden soll oder bei der Frage, was sie von neu einzustellenden Erziehern oder Erzieherinnen erwarten. „Die Kinder sind es schließlich, die mit ihnen leben müssen“, sagt der 56-jährige Lange, der selbst in seiner Kindheit einige Zeit im Heim verbrachte und deswegen alle Perspektiven kennt.

75 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren leben derzeit in neun Gruppen im Vincenzhaus, das Gelände umfasst neben dem Fachwerkhaus, einer Kapelle und einem Schulgebäude zwölf weitere Gebäude. Es gibt einen Sportplatz und eine Turnhalle. Die Kinder kommen aus Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Rüsselsheim und dem Main-Taunus-Kreis.

Programm „Aufwärts“

Die meisten von ihnen wurden in schwierigen Verhältnissen groß, haben Eltern, die selbst Hilfe brauchen, krank oder mit der Erziehung überfordert sind. Ziel der Pädagogen ist es, die Kinder nur für einen begrenzten Zeitraum – im Durchschnitt drei bis vier Jahre – im Vincenzhaus zu betreuen und ihnen möglichst bald die Rückkehr in die eigene Familie zu ermöglichen.

Um diesen Prozess zu begleiten, hat Lange 2012 das Programm „Aufwärts“ ins Leben gerufen: Bei Bedarf begleitet ein Betreuer eine Zeitlang Kind und Familie auf diesem Weg. Ist die Rückkehr in die Familie nicht möglich, können sich Jugendliche in der so genannten Trainingswohnung auf das selbständige Leben vorbereiten.

Wenn das Jugendamt den Aufenthalt eines Kindes im Heim befürwortet, kommt es zunächst in eine der beiden Diagnosegruppen. Dort finden Psychologen und Erzieher heraus, welche Hilfe es benötigt. Kann die im Vincenzhaus gegeben werden, wechselt das Kind in eine der vier Heimgruppen, schläft dort und geht auch auf dem Gelände zur Schule. Vom ersten bis zum siebten Schuljahr bietet Schulleiterin Bettina Kahle Unterricht an. Viele Kinder haben Lernschwierigkeiten. Um sie noch individueller fördern zu können, will das Vincenzhaus sein Schulgebäude demnächst um drei Klassen erweitern.

Bezieht ein Kind sein Zimmer im Vincenzhaus, erfährt es auch seine Rechte gemäß der UN-Kinderrechtskonvention: Es weiß, dass es eine Stimme hat und die auch erheben darf. „So wie du bist, bist du gut, diese Haltung wollen wir den Kindern gegenüber einnehmen“, sagt Lange. Doch auch den Eltern will er das Gefühl geben, dass ihre Meinung willkommen ist: Das Vincenzhaus bietet immer wieder Kurse an, in denen Psychologen mit den Eltern über Erziehung sprechen.

100 Mitarbeiter kümmern sich im Vincenzhaus um die Kinder und Jugendlichen, 55 von ihnen sind Pädagogen, fünf Psychologen. Alle haben auch eine Ausbildung in Traumatherapie absolviert. Lange denkt deshalb darüber nach, ob das Vincenzhaus künftig unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen helfen könnte und führt dazu Gespräche mit dem Main-Taunus-Kreis.

Gefeiert wird das 60-jährige Bestehen des Vincenzhauses als Kinderheim am Dienstag, 30. Juni mit einem Festakt. Beginn ist um 9.30 Uhr im Saal des Vincenzhaus, Vincenzstraße 29.

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