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Hofheim Barriere im Kopf

Kurt Jacobs erklärt, wie man Blinden und Rollstuhlfahrern respektvoll begegnet.

Kurt Jacobs will mit seinem Buch Ängste abbauen. Foto: Michael Schick

Es ist nicht seine Absicht, den moralischen Zeigefinger zu erheben. Das stellt Kurt Jacobs, langjähriger Beauftragter für Menschen mit Behinderung in Hofheim, gleich klar. Mit seinem neuesten Buch „Respektvolle Begegnungen“ will er vielmehr dazu beitragen, Berührungsängste abzubauen.

Auch fünf Jahre, nachdem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, gibt es seiner Meinung nach noch jede Menge „Barrieren in den Köpfen.“ Kurt Jacobs weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht. Er ist blind.

Der Bürgermeisterin Gisela Stang (SPD) überreichte Jacobs am Freitag ein erstes Exemplar des Buches, das die Stiftung Rehabilitationszentrum Berlin-Ost herausgegeben hat. Es ist als Orientierungsleitfaden gedacht, das man vor oder nach einer Begegnung mit einem behinderten Menschen zu Rate ziehen kann.

Durchaus im praktischen Sinne. „Darf man über Behinderte Witze machen?“ ist beispielweise der Titel eines Kapitels. Der Autor kommt zu dem Ergebnis: „Ja, wenn die Menschenwürde nicht verletzt wird.“

Vor nahezu 200 Jahren, so Jacobs, habe die Medizin ein Menschenbild vom Behinderten geprägt, das die Betroffenen zu „Defizitwesen“ erklärte. Vorhandene Stärken, Fähigkeiten und Fertigkeiten dagegen fielen gar nicht ins Gewicht. Mit einer solchen Sichtweise nehme sich die Gesellschaft aber die Chance, psychische oder physische Beeinträchtigungen als normalen Bestandteil menschlichen Lebens zu erkennen.

Behindert ist man nicht – behindert wird man“, sagt Jacobs und meint damit, dass erst durch die Wechselwirkung mit der Umwelt Menschen ihre Beeinträchtigung als Behinderung empfinden würden.

Diese These belegt der frühere Professor für Sonder- und Heilpädagogik mit zahlreichen Beispielen und Anekdoten: Der Blinde, der gegen seinen Willen über die Straße geführt wird, der Rollstuhlfahrer, den man – ohne zu fragen – in den Aufzug schiebt. „Erstmal fragen – dann, so gewünscht helfen“, ist denn auch der Grundsatz für einen stressfreien Umgang miteinander.

Viele Bemerkungen seien nicht böse gemeint, sondern gedankenlos, gibt der Behindertenbeauftragte zu bedenken. So sei das Bild vom „an den Rollstuhl gefesselten Behinderten“ falsch, denn der Rollstuhl ermögliche manchen Menschen erst die Mobilität. „Die meisten Menschen mit Behinderung sehen sich nicht als Opfer, sondern als aktiv Handelnde“, so Jacobs. Doch im Fernsehen und in den Zeitungen würden sie entweder als Leidende, Opfer oder als Held dargestellt.

Dass sie einkaufen, arbeiten, abends ins Kino oder in den Club gehen ist für sie völlig normal, für andere aber kaum zu glauben. Auch ein Kompliment, so Jacobs, könne mitunter giftig sein. In dem Statement „Ich bewundere Sie, dass Sie trotz Ihrer Behinderung...“ stecke hintergründig die Botschaft, dass Menschen mit Behinderung hilflose Wesen sind. Dass behinderte Menschen Dinge nicht trotz oder wegen, sondern mit ihrer Behinderung tun, sollte laut Jacobs selbstverständlich werden.

Kurt Jacobs hat das Buch zusammen mit drei anderen Autoren herausgegeben. Irene Alberti ist Rollstuhlnutzerin, Andrea Bröker hat Asperger und Michael Herbst eine Sehbehinderung. Alle drei beschreiben typische Situationen aus ihrer Sicht. Auch wie man mit Gehörlosen und sprachbehinderten Menschen respektvoll umgeht, wird in dem Buch beschrieben. „Der Weg in die inklusive Gesellschaft ist noch lang“, sagt Jacobs. Einen Wegweiser dafür gibt es jetzt.

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