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Hattersheim Spurt über die Schienen

Die Tunnelschließung am Bahnhof Eddersheim führt zu lebensgefährlichem Verhalten bei Fußgängern. Zum Schulbeginn protestieren fast 100 Menschen gegen die Schließung.

FWG-Chef Willi Torka sammelt Unterschriften. Foto: Martin Weis

Die haben sie nicht mehr alle,“ schimpfte gestern Mittag die Postbotin. Für einen einzigen Brief war sie auf die Nordseite des Eddersheimer Bahnübergangs gewechselt und wartete auf dem Rückweg wegen der gesperrten Fußgängerunterführung eine gefühlte Ewigkeit, bis die Schranke wieder hoch ging. Weil lange Wartezeiten auch zum lebensgefährlichen Spurt über die Gleise verleiten können, haben gestern früh zum Schulanfang nach den Ferien fast 100 Menschen am Bahnhof Eddersheim gegen die Tunnelschließung protestiert.

Hattersheims Bürgermeisterin Antje Köster und ihr Flörsheimer Amtskollege Michael Antenbrink (beide SPD) waren auch dabei. Hattersheim hat bereits Land, Eisenbahn-Bundesamt, Bahn und RMV zu einem Gespräch geladen. Zugleich prüfen die Städte, welche juristischen Mittel sie gegen die Überraschungsaktion der Deutschen Bahn zur Hand haben.

Schon die verbliebene reguläre Passage entlang der Landesstraße hält Köster für ein „Himmelfahrtskommando“. Schmale und teils fehlende Randflächen zwingen sich begegnende Fußgänger, auf die Straße oder ins Gleisbett auszuweichen. Wenn sich Laster vorbeidrängen, wird es mehr als ungemütlich.

Größte Sorge ist aber, dass Kinder, die den Zug zu einer der Flörsheimer Schulen nicht verpassen wollen, bei verschlossener Schranke einfach über die stark befahrenen Gleise rennen und es einen schlimmen Unfall gibt. Keine übertriebene Befürchtung, wie Willi Torka zu berichten weiß. Der Freie Wähler hat am Wochenende und gestern Unterschriften gegen die Tunnelschließung gesammelt und dabei viel gesehen.

„Heute sind schon zwei rübermarschiert“, sagt er. Ein Erwachsener sei vom südlichen zum nördlichen Bahnsteig sogar diagonal über den Bahnübergang gespurtet. Und der junge Eddersheimer Sebastian Müller stand am Samstag mit dem Auto an der Schranke, als er Kinder von elf, zwölf Jahren über die Gleise rennen sah.

Ein Zwölfjähriger, der gestern Mittag per S-Bahn aus der Sophie-Scholl-Schule heimkam, war morgens wie manche Schulkameraden zu spät im Unterricht erschienen. Er hatte nicht gewusst, dass die Unterführung verrammelt war: „Morgen werde ich halt früher aus dem Haus müssen“, sagt er.

Studentin Derya Can nimmt es nicht so gelassen. Sie wohne nur zwei Minuten vom Bahnhof weg, müsse aber künftig auf dem Weg zur Mainzer Uni 20 Minuten früher losgehen. Außerdem erwartet sie: „Die Kinder werden jetzt alle über die Gleise gehen.“

Die Bahn hat inzwischen für eine „Umgewöhnungszeit“ Sicherheitsbedienstete nach Eddersheim beordert. Ihr Auftrag: „Gleisspringer“ von dummen Gedanken abzubringen. Die DB sieht dies als freiwilligen Service. „Für die Dauer der Tunnelschließung“, so ein Sprecher, müsse der Bahnübergang genutzt werden. Jetzt, nachdem die Verkehrsgefährdung durch den Tunnel abgestellt ist, müsse man über Konsequenzen entscheiden, fügt er an.

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