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Hattersheim Schlapplachen und nachdenken

Das Theater „Requisit“ hat sich der Suchtprävention verschrieben. Die Theatermacher haben alle Suchterfahrungen. Sie wollen Jugendlichen zeigen, wie schnell man in eine Anhängigkeit rutschen kann.

Auftritt des Requisit-Theaters in Sprendlingen. Foto: Katja Lenz

Sie wissen, wovon sie sprechen. Wie sehr die Sucht ein Leben kaputt machen kann, haben die Schauspieler des Theaters Requisit selbst erlebt. Und auch wie schwierig es ist, diese Abhängigkeit zu überwinden. „Ich fand es super, dass ihr so offen mit uns geredet habt“, schreibt die Schülerin Tanja Himmel den Theaterleuten ins Gästebuch. „Prävention“, weiß Requisit-Theaterleiterin Nora Staeger, „funktioniert nur, wenn man authentisch und glaubwürdig ist.“

Und darum geht es der Theatertruppe, die nunmehr seit 19 Jahren existiert: Jugendlichen rechtzeitig bewusst zu machen, wie schnell man in eine Abhängigkeit rutschen kann. Requisit spielt an Schulen, wird von den Lehrern engagiert und ist 1995 hervorgegangen aus der Suchthilfe im Taunus (SIT), die vor zwei Jahren Insolvenz anmelden musste. Nora Staeger war dort als Theaterpädagogin und Sozialwissenschaftlerin engagiert, beantragte erfolgreich die Mittel des EU-Projektes Horizon für ein Theaterprojekt und gründete später einen eigenen Verein für „Requisit“. 70 Prozent ihrer Einnahmen erwirtschaften die Schauspieler selbst, der Rest wird aus Spenden finanziert. „Das es uns noch gibt, ist der Knaller“, sagt Staeger.

Früher drogenabhängig, heute Schauspieler

Fünf Schauspieler gehören zur Truppe, außer Staeger alles „Ehemalige“, wie sie sich selbst nennen. Sigrid Großkurth ist eine von ihnen. 20 Jahre lang hing sie an der Nadel, nahm LSD, Heroin, Kokain – bis der Körper streikte. Da war sie 36 Jahre alt und hatte schon viele gescheiterte Versuche hinter sich, aus der Drogenszene auszusteigen. Während einer Therapie in Bad Schwalbach lernte sie die Requisit-Schauspieler kennen – und blieb gleich bei ihnen. „Ich wollte mit meiner Sucht etwas Positives bewirken“, erinnert sich Großkurth. “

Das geht nicht mit erhobenem Zeigefinger. Um überhaupt erst mit den Schülern ins Gespräch zu kommen, spielt Requisit Improvisationstheater und nimmt auf Zuruf Stichworte auf, um eine Geschichte daraus zu stricken. Das Thema Drogen kommt zunächst nicht vor, es wird erst anschließend in drei Gesprächsrunden mit den Jugendlichen aufgenommen.

„Erst schlapp gelacht, dann nachgedacht“ ist die Devise des Theaters. Besonders stolz ist Staeger, dass die Lehrer der Truppe vertrauen und bei den Schüler-gesprächen über Drogen nicht dabei sind: „Dann wagen die Jugendlichen eher, Fragen zu stellen.“ Die Lehrer werden später in einer eigenen Gesprächsrunde informiert.

Fraport, Siemens und Co. sind Kunden

Neben diesen dreistündigen Veranstaltungen, die von vielen Schulen in Hessen, Rheinland-Pfalz und sogar in Barcelona nachgefragt wurden, bietet Requisit auch einen einwöchigen Workshop an, bei dem Schüler spielend ihr Selbstbewusstsein stärken können. „Improvisationstheater kann dazu viel beitragen“, erklärt Staeger, „man schöpft aus sich selbst, muss sich aber auch auf die anderen einlassen.“ So manches Mauerblümchen sei nach einer Woche Theaterspielen aufgeblüht, so mancher vermeintlich coole Typ habe plötzlich Emotionen gezeigt.

Das funktioniert auch bei Unternehmen. Um Konflikte zu thematisieren, mischen sich bei einem Workshop die Requisit-Schauspieler „undercover“ unter die Angestellten und lockern so einen Kongress oder eine Tagung auf. Fraport, Siemens oder die Opel-AG stehen auf der Referenzliste des Theaters.

Auch nach bald zwanzig Jahren macht den Schauspielern das Improvisieren noch Spaß. „Wir sind jeden Tag aufs Neue herausgefordert und können gar nicht in Routine verfallen“, sagt Ensemblemitglied Sigrid Großkurth. „Am Ende stehen alle, Schauspieler und Schüler, auf der Bühne und haben Spaß“, beschreibt Theaterleiterin Staeger ihre Erfahrungen. „Das ist der Wahnsinn.“

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