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Hattersheim Gedenkstein erinnert an Sinti

Das Mahnmal des Künstlers Kai Wolf steht am Kirchplatz in Hattersheim.

Künstler Kai Wolf
Im Auftrag der AG Opfergedenken schuf Kai Wolf das Denkmal für die Okrifteler Sinti. Foto: Michael Schick

Kurz nach 12 Uhr mittags kann Kai Wolf aufatmen. Mit Unterstützung von Mitgliedern der Hattersheimer Arbeitsgemeinschaft Opfergedenken hat der Künstler gestern den von ihm geschaffenen Gedenkstein für die Sinti, die einst im Stadtteil Okriftel lebten und Opfer des Nationalsozialismus wurden, aufgestellt. Das Mahnmal ist in einem 80 Zentimeter tiefen Fundament fest verankert und steht schräg gegenüber der evangelischen Matthäuskirche.

Der rötliche Buntsandsteinblock mit den hellen Schlieren stamme aus einem Steinbruch in Kaiserslautern, erzählt Wolf. Eine Art Haus hat er aus ihm herausgehauen, dessen Giebel genau in die Mitte eines eisernen Ventilrades ragt, das der Künstler in der ehemaligen Okrifteler Papierfabrik Phrix gefunden hat. Wolf hat dort lange Zeit gewohnt und gearbeitet.

Der Schriftzug „Sie lebten in unserer Mitte“ krönt das Mahnmal für die Okrifteler Sinti. Der Platz, an dem es steht, ist mit Bedacht gewählt. Denn ganz in der Nähe des Kirchplatzes wohnte einst die Familie Adam-Keck, an deren Schicksal der Gedenkstein erinnert. Aufgrund zunehmender Repressalien war die Sinti-Familie 1941 zunächst nach Darmstadt gezogen, bevor sie von dort aus in Konzentrationslager deportiert wurde. Nur Maria, Alwine-Susanne und Anna Adam überlebten den Völkermord. Barbara Adam wurde 1944 in Auschwitz umgebracht; sie hatte zuvor in der Okrifteler Cellulosefabrik gearbeitet, aus der das Ventilrad stammt.

Der frühere Hattersheimer Stadtarchivar Wilfried Schwarz und die Historikerin Anna Schmidt haben die Biografien aller 13 Mitglieder der Familie Keck-Adam erforscht. In dem 2014 erschienenen Buch „...man müsste einer späteren Generation Bericht geben“ sind die Schicksale nachzulesen.

Auf der Gedenktafel aus Edelstahl wird auch das Ehepaar Kreuz erwähnt. Karl Kreuz war im KZ Buchenwald schwer misshandelt und medizinischen Versuchen unterzogen worden. Emilie Kreuz hatten die Nazis ins Frauen-Konzentrationslager nach Ravensbrück deportiert. Beide lebten nach dem Krieg zurückgezogen in einer Hütte am Okrifteler Baggersee. Für ihre Recherchen hat die Sprecherin der AG Opfergedenken, Ulrike Milas-Quirin, unter anderem die Entschädigungsakten im Wiesbadener Staatsarchiv ausgewertet. Sie weiß: „Beide Sinti-Familien waren in Okriftel gut integriert. Doch nur die wenigsten wussten von ihrem Schicksal.“

Finanziert wurde das rund 7000 Euro teure Kunstwerk durch Spenden von Bürgern. In die Planungen war auch der Verband deutscher Sinti und Roma einbezogen.

Das Mahnmal in Okriftel sei in seiner Form einzigartig und könne ein wichtiges Vorbild sein für weitere hessische Gemeinden, „damit die schrecklichen Gräueltaten im Nationalsozialismus gegenüber unseren Menschen nicht vergessen werden“, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen, Adam Strauß, der FR. In Wiesbaden, Darmstadt und der kleinen Gemeinde Dreihausen in der Nähe von Marburg gebe es bereits Denkmäler, die an die NS-Verfolgung von Sinti und Roma erinnerten. In Frankfurt, Kassel, Hanau, Gießen, Marburg, Fulda und Bad Hersfeld seien auf Betreiben des Landesverbandes ebenfalls Mahntafeln errichtet wurden.

„Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, zu verstehen, wohin der Hass auf Minderheiten führen kann“, sagte Strauß. Für ihn persönlich hat das Mahnmal auf dem Okrifteler Kirchplatz eine besondere Bedeutung. „Meine Mutter und ihr Onkel lebten in Okriftel und wurden nach Auschwitz deportiert. Nur meine Mutter überlebte.“

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