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Hattersheim Bagger buddeln Gräber aus

Dort, wo sterbliche Überreste von Menschen in der Erde begraben sind, sollen nun Reihenhäuser entstehen. Die katholische Kirche verlangt einen pietätvollen Umgang mit den Gebeinen.

Ein Totenschädel ist auf eine Baggerschaufel gespießt, bei Probebohrungen zutage geförderte menschliche Knochen liegen verstreut auf der Baustelle herum und werden von Schaulustigen fotografiert. Bilder wie diese haben im Hattersheimer Stadtteil Eddersheim jüngst Anwohner in helle Aufregung versetzt. Von Störung der Totenruhe sprach die Eddersheimer Bürgerinitiative für Umweltschutz (BfU) und davon, dass es sich bei dem ehemals katholischen Gemeindefriedhof, auf dem jetzt sechs Reihenhäuser entstehen sollen, um „einen heiligen Ort im Sinne des kanonischen Kirchenrechts“ handele, der nicht einwandfrei profaniert sei, weshalb darauf auch nicht gebaut werden dürfe.

Tatsächlich liegen auf dem Grundstück im Ortskern noch sterbliche Überreste von Menschen in der Erde begraben. Wie viele es sind, weiß niemand. Die letzte Beisetzung auf dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelegten katholischen Friedhof fand um das Jahr 1910 statt. Eigentümerin des Geländes war lange Jahre die katholische Kirchengemeinde Sankt Martinus in Hattersheim. Sie ließ in den 1950er Jahren auf dem damals bereits aufgelassenen Friedhof einen Kindergarten errichten, der auch mehr als 60 Jahre in Betrieb war. Dass die Kinder auf einem ehemaligen Friedhof spielten, fand niemand anstößig, auch wenn beim Bau von Klettergerüst und Schaukel schon mal menschliche Knochen in der Erde gefunden wurden.

Seit 2014 ist die Kita geschlossen, die Kirchengemeinde verkaufte das Gelände in der Bahnhofstraße an die Hochheimer Firma Synergy. Terra Immobilien aus Frankfurt baut die sechs Reihenhäuser. Laut Vertriebsleiter Norbert Rupprath sind sie alle bereits verkauft. Dass unter dem nur in Teilen unterkellerten Kita-Bau noch die Gebeine von Menschen begraben liegen, die vor mehr als 100 Jahren gestorben sind, war allseits bekannt, für die Behörden aber am Ende kein Grund, den Bauantrag für die sechs Reihenhäuser abzulehnen.

Ethisch vertretbare Entsorgung verlangt

Die Eddersheimer Bürgerinitiative für Umweltschutz brachte „der pietätlose Umgang mit dem geweihten Gottesacker“ indes schon vor einem Jahr auf die Barrikaden. Seither versuchen Frank Wolf und seine Mitstreiter, das Wohnbauprojekt auf dem alten Eddersheimer Friedhof zu verhindern. Sie haben einen regen Schriftwechsel mit der Kirchengemeinde, der Stadt, dem Kreis und dem Bistum Limburg geführt. Ohne Erfolg. Das Umweltamt des Main-Taunus-Kreises und die Denkmalschutzbehörde machten dem Käufer lediglich zur Auflage, die Erde auf dem Baufeld schichtenweise abzutragen und die Grabungen durch Archäologen dokumentieren zu lassen. „Wir sind angewiesen, die Kochen zu sammeln und ,ethisch vertretbar‘ zu entsorgen“, sagte Peer Marzi von Synergy der FR. Konkrete Angaben seien nicht gemacht worden.

Das dürfte auch sehr schwierig sein, denn allgemeine gesetzliche Vorschriften dazu gibt es nicht. Über den Umgang mit Gräbern, deren Nutzungsdauer abgelaufen ist, entscheiden die Kommunen in ihren Friedhofsatzungen. Das kirchliche Gesetzbuch enthalte keinerlei Normen, wie mit einem aufgelassenen Friedhof, der durch Teilzerstörung seine Weihung bereits verloren habe, umzugehen sei, sagte der Sprecher des Bistums Limburg, Clemens Mann der FR. Üblicherweise müsse ein kirchlicher Friedhof am Ende der Nutzungszeit durch ein Dekret des Ortsbischofs profaniert, also entweiht, werden. Im Eddersheimer Fall liege dieses Dekret heute nicht oder nicht mehr vor, räumte Mann ein. Durch den Bau des Kindergartens in den 1950er Jahren sei die Entweihung allerdings faktisch erfolgt. „Ansonsten hätte das Grundstück gar nicht verkauft werden dürfen.“

Seine besondere Verantwortung sieht das Bistum laut Mann nun darin, „für einen pietätvollen Umgang mit den sterblichen Überresten zu sorgen“. Die Regelungen, die die Kirchengemeinde beim Verkauf des Geländes mit dem neuen Eigentümer vereinbart habe und die auch eine „respektvolle Aufbewahrung“ vorsehe, seien bindend. Auch der Pfarrer von Sankt Martinus, Andreas Klee, wünscht sich „ein sensibles Vorgehen“. Und Hattersheims Bürgermeister Klaus Schindling (CDU) fordert „eine würdevolle Wiederbestattung“ der Gebeine. Ob es dazu kommt, bleibt erst mal offen. Denn laut Peer Marzi von Synergy gibt es weder konkrete behördliche Vorgaben noch einen Rechtsanspruch darauf. Es gehe vor allem um die Kosten, lässt er durchblicken. Die seien durch das schichtenweise Abgraben des Baufeldes unter Aufsicht von Archäologen ohnehin schon um einiges höher als kalkuliert.

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