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Eddersheim Der Herr des Schleusentors

Seit über 30 Jahren kümmert sich Werner Walters um die Schleuse bei Eddersheim. Doch die Automatisierung macht seinen Arbeitsplatz bald überflüssig. Von Kerstin Prosch

Werner Walters, der Schleusenwärter von Eddersheim. Foto: FR/Oeser

Werner Walter lässt seinen Blick über die Schleusenkammer schweifen. Langsam tuckert das Fahrgastschiff Theodor Fontane heran. Die Passagiere drücken sich an den Scheiben die Nasen platt. "Schleusen sind für Touristen immer eine Attraktion", sagt Walter. Ganz anders verhalte sich das bei den Besatzungen der Güterschiffe. Für sie seien die Schleusen beruflicher Alltag. Rein, raus, weiterfahren.

Walter arbeitet schon seit über 30 Jahren bei der Schleuse Eddersheim. Er ist Betriebsstellenleiter. Demnächst muss er seinen Arbeitsplatz räumen. Die Schleuse wird derzeit modernisiert. Nach Abschluss der Arbeiten wird sie zentral von Kostheim aus gesteuert. Die zehn Mitarbeiter, die in Eddersheim im Schichtdienst arbeiten, werden dann nicht mehr gebraucht. Sie wechseln zu anderen Schleusen oder ins Wasser- und Schifffahrtsamt. "Alles sozialverträglich", versichert Walter. Er ist 58 Jahre alt und hat noch nicht entschieden, wie es für ihn weitergeht.

Steht die zentrale Steuerung der Schleuse am Ende einer Kette von Automatisierungen? Walter schüttelt den Kopf. Sein Arbeitsplatz hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so gut wie nicht verändert. Sein Blick fällt auf das Schaltpult, mit dem er die Schleusentore öffnet und schließt. Damals habe es genauso ausgesehen wie heute. Dass die Bilder der ein- und ausfahrenden Schiffe mittlerweile auf Flachbildschirme übertragen werden, sei schon eine technische Sensation - eine der wenigen.

Immer mehr Reiseschiffe

Die Theodor Fontane hat die Schleuse mittlerweile verlassen und setzt ihre Fahrt Richtung Mainz fort. Walter blickt ihr hinterher. Ihm ist aufgefallen, dass sich die Zahl der Fahrgastschiffe erhöht hat. Immer öfter passieren Kabinenschiffe auf großer Fahrt die Schleuse. "Das ist im Kommen", meint er. An Bord entdeckt der Betriebsstellenleiter vor allem Senioren und sehr oft auch Ausländer, zum Beispiel Asiaten, die Teile ihre Europatour per Schiff zurücklegen.

Auf die Schleuse hält nun ein großes Güterschiff zu. "80 - 8,2 - 1200", sagt Walter. Diese Dreierkombination beschreibt das klassische Güterschiff in seinen ersten Jahren an der Eddersheimer Schleuse. Es war rund 80 Meter lang, 8,20 Meter breit und konnte problemlos etwa 1200 Tonnen Last befördern. Und heute? "105 - 11,45 - 3000!" Die Pötte sind größer geworden. Die MS Brixon ist mit einer Länge von 135 Meter und einer Breite von 14 Meter das größte Schiff, das bisher die Schleuse passiert hat.

Für Walter gilt beim Schleusen mit Ausnahme der Gefahrgutschiffe "Schiff ist Schiff". Einige dieser Schiffe vergisst man allerdings nicht so schnell - beispielsweise die Jero, deren Steuerstand sich vorne befinde. "Da muss sich das Auge erstmal dran gewöhnen."

Oder die "MS Gute Fahrt". Sie prallte 1980 gegen das Schleusentor, weil die Maschine ausfiel. Walter greift nach einem Ordner mit Bildern besonderer Ereignisse. Der Unfall der "MS Gute Fahrt" ist hier ebenso dokumentiert wie das Hochwasser 1995.

Während der Betriebsstellenleiter erzählt, herrscht an der Schleuse rege Betriebsamkeit. Schiffe fahren ein und aus. Etwa 57 Prozent der Güterschiffe kommen aus Deutschland, 31 Prozent aus den Niederlanden. Der Rest aus Belgien, Luxemburg, Frankreich und anderen Ländern. "Die meisten Kapitäne können deutsch", erzählt Walter. Einige hat er im Laufe der Jahre kennengelernt, vor allem von jenen Schiffen, die regelmäßig die Schleuse passieren. Man grüßt sich und tauscht sich kurz aus.

Walter mustert ein Güterschiff. Er sieht aus wie ein Mann, der die vergangenen Jahrzehnte nicht missen möchte.

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